Leben in Kolumbien – Halbzeitbericht

Inhalt

Halbzeit
Progress
Español
Deutsch
Englisch
Religion
Krieg
Mehrschichtengesellschaft
Essen und Trinken
ärmere Viertel
Paradies
Reisen
Andere über Kolumbien
meine Berichte
Fazit

Halbzeit

 

Jetzt (26.4.2003 – 16 Uhr) ist ziemlich genau die Hälfte meines Aufenthalts hier in Kolumbien vorbei. Ging eigentlich ganz schön schnell: Ab jetzt soll ich also rückwärts zählen? Andererseits hat es aber auch ziemlich lange gedauert: Meine Erinnerungen an die ersten Tage kommen mir schon eine Ewigkeit alt vor und wenn ich mir Photos anschaue denke ich da über mich “Man ist der Kerl da noch jung und unerfahren.”
Zeit einmal zu Resümieren? Schon wieder? Na gut. Ich fühle mich hier jetzt definitiv zu Hause und das Leben hier in Medellín ist normal. Mir fallen momentan auch keine komischen Momente ein, die aus dem Alltagsleben herrühren. Es ist deswegen jetzt nicht langweilig geworden sondern ich kann viel mehr machen als zuvor und bin unabhängiger. So habe ich keinerlei Scheu mehr selbst mit dem Taxi rumzufahren, einzukaufen, auch wenn man da vielleicht was sagen muss (also nicht im Supermarkt) oder mich mit Leuten zu unterhalten die kein oder nur wenig Englisch sprechen. Okay, mit dem Spanisch sprechen hatte ich auch zuvor keine allzu großen Hemmungen, also sagen wir mal, jetzt verstehe ich häufig auch worum es geht und es ist nicht mehr so frustrierend für meine Gesprächspartner.
Leider habe ich inzwischen auch einiges mehr über das Leben hier gelernt und mir so meine Gedanken gemacht und so überkommt mich manchmal das Gefühl, dass ich doch ganz froh bin hier nur zu Besuch zu sein. Jedenfalls bin ich inzwischen sehr stolz ein Europäer (nicht unbedingt ein Deutscher) zu sein. Was wir geschafft haben (Frieden haben und verbreiten wollen, Schengen-Abkommen, Euro, …) macht mich innerlich glücklich und am liebsten würde ich alle Kolumbianer hier einpacken und ihnen das Leben in Deutschland und Europa zeigen. Erst heute hat mir Sebas erzählt, er könne sich nicht vorstellen, dass man von einem Land ins andere fahren kann, ohne Kontrollen, Pass vorzeigen oder irgendwas. (Hier gibt es Polizeikontrollposten an allen Ausfahrten der Stadt und auch sonst gelegentlich einfach so auf der Landstraße.)

Progress

 

Noch ein paar Aktualisierungen über Dinge, die sich seit den vorigen Berichten geändert haben oder was mir dazu noch eingefallen ist. Eigentlich passen einige der eigenständigen Absätze auch in diese Kategorie, hier sind aber die Themen gelistet, die mir für einen eigenen Absatz zu kurz sind. Interessiert das überhaupt jemanden außer mir, wie ich hier meine Texte gliedere? Ich glaube kaum. Also jetzt weiter mit dem sinnvolleren Inhalt:
1. Seit meinem letzten Bericht hat mir kein Bettler mehr quer über die Straße nachgerufen. Dafür wurde ich schon mehrmals als Gringo bezeichnet. Das ist hier eine eher abfällige Bezeichnung für Nordamerikaner. Besonders angetan bin ich davon nicht gerade, aber daher ich mich verbal eher schlecht dagegen wehren kann und ich mich eben auch nicht wirklich angesprochen fühlen muss übergehe ich das eben mit einem Schmunzeln und dem Wissen, dass Leute, die soetwas äußern wohl irgendwie etwas zurückgebliebene Hinterweltler sind.
Die meisten Kolumbianer mögen die USA nicht. Juan z.B. hat mich gerügt, dass ich mir M&Ms gekauft habe und somit die USA und deren Krieg gegen den Irak unterstützt habe. So extrem ernst gemeint war das nicht, aber die Billig-Variante vom Penny in Deutschland schmeckt sowieso besser. Dann warte ich eben.
2. Alle die schon die ganze Zeit auf Schreckensmeldungen über Mord und Totschlag gewartet haben, werden jetzt bedient. Am letzten Freitag ist in einem Computergeschäft in einem Einkaufszentrum hier in Medellín eine Bombe hoch gegangen. All zu groß war die Bombe aber nicht, denn als ich am Samstag zufällig vorbeigefahren bin, sah man von außen keinen Schaden und die Geschäfte waren geöffnet.
Noch mehr von der Sorte gefällig? Heute wurde der Gouverneur von Antioquia, ein prominenter Friedenskämpfer und 8 Militärs auf einem unbewaffneten “Marsch für den Frieden” in Urrao (kleinere Stadt in Antioquia) von der FARC-Guerilla erschossen. Bei Ghandi und Martin-Luther-King mag das mit dem friedlichen Protest geklappt haben, die Guerilla-Kämpfer haben davon aber wohl noch nichts mitbekommen und wussten nicht, was sie nun mit dem prominenten und ungeschützten Opfer vor dem Gewehrlauf anfangen sollen. Polizeischutz für den Friedensmarsch hat der Gouverneur übrigens abgelehnt, weil es ja ein gewaltfreier und unbewaffneter Protest sein sollte.
3. Die letzten zwei Wochen war hier Winter. Ja, diese Jahreszeit, in der es so kalt ist. Geschneit hat es zwar nicht, dafür aber jeden Tag geregnet (statt normalerweise etwa jeden dritten Tag). Dadurch war es dann auch nicht so warm, also mittags nur 27°C statt 32°C. Mein Chef hat sich dann auch prompt eine Grippe zugezogen und ich habe auch einige Leute mit Schal oder Handschuhen rumlaufen sehen, was aber nicht bedeutet, dass man dazu unbedingt einen langärmeligen Pullover anziehen muss.
4. Sich mit Kolumbianern über das Wetter zu unterhalten ist sowieso generell eine lustige Angelegenheit. In Medellín gibt es das Temperaturspektrum 17°C bis 35°C und darauf werden dann die gleichen Wörter wie im Deutschen angewendet, also kalt (17-22°C), ok (23-27°C), warm (28-31°C) und heiß (32-35°C). Bei angenehmer Zimmertemperatur, bei der man noch schön im T-Shirt rumlaufen kann von 22°C kommt Karol dann z.B. morgens mit dickem Pullover aus der Küche und meint “oh, es mucho frio hoy”. Mein Standardsatz dazu ist: “No hay frio aquí en Medellín.”
Die Krönung aber war eine National-Conference (SDL) von AIESEC Colombia mit AIESECern aus vielen Städten und somit auch vielen Klimazonen Kolumbiens. Während die aus Bogotá (7-25°C) es furchtbar heiß fanden, war es für die Costeños (25-40°C) recht kühl und für die aus Medellín schon ganz schön warm. Trotz der geringen Temperaturen gibt es in Bogotá  übrigens normalerweise keine Heizung in den Häusern.

Español

 

Ich scheine inzwischen schon wirklich erkennbare Fortschritte gemacht zu haben – das sagen jedenfalls viele der Leute mit denen ich hier zu tun habe. Das kommt aber leider zusammen mit einem negativen Aspekt. Die Personen, die mit mir ihr Englisch verbessern wollten sind jetzt schon etwas enttäuscht, dass mein Spanisch viel besser geworden ist und ihr Englisch so gut wie unverändert geblieben ist. Die logische Erklärung dafür ist, dass ich fast rund um die Uhr Spanisch lerne, während sie nur Englisch lernen, wenn ich gerade zufällig mal ein paar Sätze mit ihnen wechsele. Aber enttäuschend ist es natürlich auch wenn man die Erklärung kennt. Manche machen aber auch die selben Fehler immer und immer wieder, obwohl ich ihnen es jedes Mal sage. Das soll jetzt kein Vorwurf sein, denn von meinem Spanisch reden wir jetzt besser nicht, es ist eher ein Zeichen meiner kleinen Enttäuschung.
Zur Aufheiterung nach so viel Enttäuschung jetzt ein paar Stilblüten die die Leute hier entwickelt haben:
listos: Eines der Lieblingswörter der Kolumbianer ist sicherlich “listo”. Die Bedeutung ist “einverstanden?”, “einverstanden”, “bereit”, “Hast du mich verstanden?” (als Frage ohne Antwort). Es besonders bei Telefongesprächen und Reden praktisch dauernd vor. Auf einem Treffen AIESEC-Kolumbien hat der Moderator dann auch noch die Mehrzahl gebildet, also “listos” für “Habt ihr mich verstanden?”.
Da man bei so viel listo leicht den Durchblick verliert, benutzt man “ya” (deutsch: schon), wenn man “fertig” meint.
ahorita: “ahora” heißt auf Deutsch “jetzt” und “ahorita” würde folglich “jetztlein” oder “jetztchen” heißen, also ein kleines “jetzt”. Also ein kleines “jetzt” bedeutet hier “später”. Manchmal aber auch vorhin oder vor kurzem, alles klar?
XML: Abkürzung für “eXtensible Markup Language”, bis hier stimmt noch alles. Die Aussprache ist hier jedoch “ekisemele”. Englische Wörter sind hier fast immer eine lustige Angelegenheit, weil entweder gleich ganz Spanisch ausgesprochen oder mit der englischen Aussprache der Buchstaben aber es werden alle Buchstaben ausgesprochen die da stehen (z.B. “koofii tollks” für coffee talks).
todo el mundo: Das ist das direkte Pendant zum englischen “everybody” und meint z.B. alle hier im Raum oder die ganze Gruppe. Die direkte Übersetzung auf Deutsch ist “die ganze Welt”, also z.B. Die ganze Welt ist gerade in der Küche. Oder auf Partys sehr beliebt: Todo el mundo esta borracho. – Die ganze Welt ist besoffen.
anglo-estadounidense: Also englisch-vereinigtestaatenisch. So wurden die Truppen im Irakkrieg genannt. Auf Spanisch klingt es jetzt nicht so absurd, aber die deutsche Übersetzung ist gut, oder?
Das sind so ein paar Wörter, die mich immer schmunzeln lassen, wenn sie irgendjemand benutzt und das Spanischlernen wird dadurch natürlich auch lustiger. Mich würde mal interessieren, was es da im Deutschen so für komische Ausdrücke gibt. Leider ist mir nach 2-3 Minuten des Nachdenkens noch nichts eingefallen, wenn ihr was wisst könnt ihr mir ja schreiben.
Zur Kommasetzung im Spanischen hat mir Catalina erzählt sie macht das so: bla bla bla (Och, jetzt brauche ich ein kleine Pause -> Komma) , bla bla bla bla bla (Uff, das war schon ganz schön viel, Zeit für eine längere Rast -> Semikolon) ; bla bla bla bla bla (Mit dem Thema bin ich durch -> Punkt) . Ganz so läuft’s wohl nicht, aber an richtige Kommaregeln (mein Lieblingsthema im Deutschunterricht) kann sie sich jedenfalls nicht erinnern.
Weil ich mir geschriebene Wörter viel leichter merken kann habe ich mir zum Lesen gestern ein Buch mit Fabeln für Kinder gekauft. Wie ich heute in meiner ersten Lesestunde dem Vorwort entnehmen konnte sind die Fabeln alle Prosa oder in Versform geschrieben. Das kann ja noch heiter werden.

Deutsch

 

Ich hoffe wirklich, ihr lernt alle schön fleißig Spanisch, denn um mein Deutsch ist es gar nicht gut bestellt. Auf dem SDL habe ich eine Praktikantin aus Heidelberg getroffen, die in Bogotá Englisch-Unterricht gibt. Nach den ersten 3 Sätzen auf Deutsch waren wir uns einig, dass das extrem komisch klingt und ich für meinen Teil habe manchmal schon eher abenteuerliche Satzstellungen und Betonungen hervorgebracht.
Sebas’ Bruder lernt Deutsch und so habe ich mich auch mal mit ihm auf Deutsch unterhalten, aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass meine Aussprache schlechter war als seine. Mir ist absolut nicht eingefallen, wie man die Wörter im Deutschen richtig betont und so habe ich dann extrem deutlich und unnormal geredet. Buuah, horrible!
Teilweise fallen mir die Sätze die ich hier schreibe erst auf Englisch ein und dann muss ich mich zwingen, dass nochmal auf Deutsch zu denken um es hinzuschreiben.

Englisch

 

Momentan meine Hauptsprache, d.h. meistens spreche ich English und auch ein Großteil meiner Gedanken ist auf English. Übrigens auch wenn ich mich an irgendwas erinnere, was jemand gesagt hat und das Gesagte war auf Deutsch oder Spanisch. Oft weiß ich auch gar nicht in welcher Sprache ich das jetzt gehört habe. Mein Gedächtnis merkt sich also offensichtlich den abstrakten Inhalt und nicht “photographisch” das Gesagte. Wow, da bin ich ja selbst überrascht, was ich hier alles herausfinde. Ein Auslandspraktikum lohnt sich!
Leider findet in meinem Gedächtnis ein Verdrängungskampf der Sprachen statt, beim Deutschen verschwindet die Aussprache und beim Englischen übernehme ich die Fehler der Kolumbianer. Einer der prominentesten ist “I didn’t say nothing.” mit doppelter Verneinung wie im Spanischen. Ein Anderer die Verwendung von “persons” anstatt “people”. Am Ende komme ich wohl nach Deutschland zurück und kein Mensch versteht mich, da ich keine der drei Sprachen richtig kann. Ernesta spricht nach 7 Monaten in Kolumbien eine vitale Mischung aus Spanisch und Englisch – ein Satz so ein Satz so, je nachdem. Mit mir allerdings normalerweise ausschließlich Englisch, da es sonst zu Informationsverlust kommt. Wir mussten aber schon mal auf Spanisch ausweichen, weil ich sie auf Englisch nicht verstanden habe. 😉

Religion

 

Sehr gut gefällt mir, dass ich immer gefragt werde, welchen Glauben ich habe, oder ob überhaupt. Also nicht wie in Deutschland, wo man von vorneherein davon ausgeht das alle mehr oder weniger katholisch oder evangelisch sind. (Naja stimmt nicht, aber man geht davon aus.)
Also hier sind etwa 95% katholisch und auch deutlich katholischer als in Deutschland. Das heißt, dass die zwei Gottesdienste an normalen Tagen (7 Uhr und 18 Uhr) etwa 200 Leute anlocken auch wenn der Pfarrer ziemlich pabstähnlich aussieht und auch seine Predigten dementsprechend eher ein einschläferndes Gemurmel sind. Am Sonntag gibt es sogar bis zu 5 Gottesdienste.
Der Höhepunkt des kirchlichen Lebens ist Ostern bzw. eigentlich die Woche davor die semana santa. Da zieht die Kirchengemeinde (etwa 1000 Leute) am Karfreitag durch die Straßen und zelebriert die 15 Stationen Jesus’ auf dem Weg mit dem Kreuz. In der Nacht gibt es einen Laternenumzug zu einer anderen Kirche weil Jesus tot ist. Am Gründonnerstag ist man mit dem Auto rumgekurvt und hat 7 Kirchen besucht (ab der 5. Kirche ging der Anlasser vom Auto nicht mehr und wir mussten anschieben oder bergab parken). Gottesdienste gibt es fast rund um die Uhr. Das Ganze gipfelt dann am Samstagabend in einen prächtigen Gottesdienst bei dem das Kreuz in der Kirche (das während der semana santa hinter einem Tuch verborgen war) enthüllt wird. Zur Feier lassen die Kirchenbesucher dann Luftballons steigen und der bis dahin pabstähnlich wirkende Pfarrer klatscht und tanzt hinter dem Altar umher, grinst bis über beide Ohrwascheln und glüht vor Enthusiasmus wenn er später durch die Massen geht und alle mit Weihwasser bespritzt. Die Freude darüber das Jesus für die Christen gestorben ist hat ihn jedenfalls 20 Jahre jünger gemacht. Ist wohl doch was dran? Oder das ist sein wahres Alter und das ewige Predigen lässt ihn während das Jahres so stark altern oder zumindest so alt erscheinen?
In meinem Viertel kenne ich außerdem noch zwei “neue Kirchen”, ein Import aus den USA, wo ja etwa jeder dritte Ort seine eigene Version des Christentums hat. Als ich mal an einer der “neuen Kirchen” (einem ganz normalen Wohnhaus mit sehr vielen Plastikstühlen im Wohnzimmer) vorbeigegangen bin haben die mich “eingefangen”: Ich kann nicht, ich habe Hunger -> Och, dauert nur ganz kurz. Aber ich verstehe kein Spanisch -> Sofi, komm mal her, ok, Sofi übersetzt jetzt alles für dich. Aber aber … -> Es geht jetzt los, vamos!
Ich war auch ein wenig interessiert, ob das jetzt so viel toller ist und so war es nicht so schlimm überzeugt zu werden. Es waren etwa 50 Leute da und darunter auffällig viele Mädchen etwa in meinem Alter (so auch Sofi, die Dolmetscherin studiert). Der Gottesdienst bestand dann aus ein bisschen Bibellesen, Gesängen des Chors lauschen, dem Redner lauschen (eigentlich der Pfarrer, aber er heißt nicht so) und nach vorne kommen und gemeinsam für die Kinder beten. Das Thema des Tages war “Gott vergibt dir immer und alles und man kann glücklicher leben” und mit dieser Wahrheit hat der Redner auch einen seiner Freunde mitten in der Nacht davon abgehalten von einer Brücke zu springen. Ich weiß, das war wohl nicht so gemeint, aber wenn mir Gott alles vergibt, dann vergibt er mir sicher auch, wenn ich nicht in die Kirche gehe und nicht an ihn glaube. Na wie praktisch.
Als ich dann gegangen bin (Ich habe echt fürchterlichen Hunger!) habe ich noch eine Einladung für die nächsten zwei Tage bekommen (Ich kann nicht, da habe ich eine Diskussionsrunde mit AIESEC.), zwei Telefonnummern und eine eMail-Adresse. Außerdem hat einer noch gesagt, er betet heute Nacht für mich.

Krieg

 

Gestern hatten wir (also das AIESEC Lokalkomitee) eine Diskussionsrunde zum Thema Krieg. Dabei gab es kleine Einführungen über den ersten und zweiten Weltkrieg, über den Krieg im Irak und schließlich über den Krieg in Kolumbien.
Am interessantesten für mich, und worum sich auch die Diskussion hauptsächlich drehte, war der letzte Part, die Situation hier in Kolumbien. Bereits die Informationen die ich zur Vorbereitung gelesen hatte brachten einige neue Aspekte hervor, doch noch viel spannender, war es zu hören, wie meine Freunde hier über dieses Thema denken. Einige glauben es liegt den Kolumbianern im Blut zu kämpfen und es wird wohl nie ein Ende geben, denn so weit man das zurückverfolgen kann, waren auch schon die Indianerstämme, die hier einst lebten, ständig in Kämpfe verwickelt und seitdem gab es hier keinen Frieden.
Andere glauben und hoffen auf einen Frieden und setzen auf den aktuellen Präsidenten Uribe, der zumindest etwas in diese Richtung unternimmt, wenn auch ein Erfolg noch nicht absehbar ist. Bei einigen konnte man dabei richtig erkennen, wie tiefe Gefühle das in ihnen hervorruft und das es wirklich ein Thema des Herzens ist. Sie lieben ihr Land und möchten nicht weg, aber die Frage, ob sie ihre Kinder hier auf die Welt bringen und groß ziehen möchten konnte niemand eindeutig antworten.
Die Nachrichten (“Da wurde jemand entführt.”, “Hier ging eine Bombe hoch.”, …) berühren die meisten nicht so sehr, wohl aber wenn es jemanden betrifft zu dem man eine Beziehung hat. Einer hat gemeint, dass er sich die Nachrichten aber lieber nicht anschaut. Persönlich wirklich tiefgreifend involviert waren zwei: “Cousin gekidnappt und nach Zahlung des Lösegeldes nach einem Monat wieder freigelassen” und “Freund nach Bombenattentat im Krankenhaus”. Andere hingegen gaben an in einer Kristallkugel zu leben, da noch niemandem in ihrem Umfeld jemals etwas zugestoßen sei. Auf welcher Insel der Glückseeligkeit leben wir dann in Deutschland, wo man noch nicht mal fürchten muss es könnte irgendwas passieren? Tatsächlich haben Juli und Angela, die schon mal länger im Ausland waren gemeint, die Nachrichten dort (USA und Großbritannien) seien sowas wie ein lustiges Unterhaltungsprogramm und wenn dann mal überhaupt irgendwas passiert, wird es aufgeplustert, als wäre es schon fast der Weltuntergang.
Meine Einstellung zu dem Ganzen ist, dass ich ehrlich gesagt mir nicht vorstellen kann, was jemanden dazu bringt andere Menschen zu töten oder etwas Schlimmes anzutun. Außerdem will ich es eigentlich nicht so wahr haben. Es ist so ein schönes Land mit so netten und herzlichen Menschen. Warum? Und es sieht so aus, dass es inzwischen nur noch eine Antwort gibt: Geld. Mein tiefster Wunsch ist Frieden für dieses Land und seine Bewohner. Wenn es in Europa nach dem zweiten Weltkrieg möglich war aus ehemaligen Feinden Partner zu machen so denke ich, ist es das auch hier in Kolumbien. Meine Hoffnung ist jedenfalls noch nicht gestorben.

Mehrschichtengesellschaft

 

Die Kolumbianer teilen sich ungefähr in drei Gruppen: Arme, Mittelstand und Reiche. Die Armen machen etwa 60% der Bevölkerung aus, aber daher diese Statistik nach Einkommen geht fallen wohl auch fast alle Bauern darunter, die ihr kleines bescheidenes Leben leben, aber in meinen Augen jetzt nicht unbedingt so arm sind, da sie immerhin ausreichend zu Essen haben. Auch die Indianer fallen in diese Kategorie, da sie wohl höchstselten mit Geld zu tun haben und so kaum auf ein Monatseinkommen von 100 Euro kommen werden. In den Städten gehören zu dieser Gruppe z.B. die Zirkusartisten an den Kreuzungen, die Bonbonverkäufer im Bus, die Leute mit dem Bauchladen in der Innenstadt, die Händler, die durch die Straßen tingeln und Früchte, Mazamorra oder Besen verkaufen, die Gärtner, die mit der Machete das Gras im Vorgarten schneiden und auch die Parkplatz-Auto-Dompteure.
Der Mittelstand ist ungefähr 20% und damit ist Kolumbien angeblich eines der wenigen Länder in Lateinamerika, das überhaupt einen Mittelstand hat. Der Mittelstand definiert sich als die Leute, die mehr als das Mindestgehalt verdienen z.B. in einer Kleiderfabrik arbeiten und sagen wir mal einen fahrbarem Untersatz haben. Wie oben bereits erwähnt, beträgt das Mindestgehalt ungefähr 100 Euro pro Monat. Die normale Kinderzahl ist 4 bis 5. Mit dem Mittelstand ist es also nicht gerade weit her.
Die restlichen 20% sind dann die Reichen. Und das heißt auch reich. Viele haben hier einen ähnlichen oder höheren Lebensstandard als ich in Deutschland. Das heißt die normale Wohnung für eine Familie hat so 100-150 m² und natürlich ein Servicio. Dazu noch ein Auto oder mehr und irgendwie einen Zugang zu einer Finca (Opa, Tante, Bruder, etc). Auch ein Urlaub in den USA ist nichts sehr ungewöhnliches. (nicht vergessen: Internationale Güter wie Autos, Auslandsurlaub, usw. sind nach kolumbianischen Maßstäben etwa viermal so teuer, wie für Deutsche.) Studenten arbeiten normalerweise nicht neben ihrem Studium. Ich weiß nicht, ob denen das eigentlich so bewusst ist, dass ihr Lebensstandard hier eigentlich höher ist, als beim normalen Europäer, aber beklagt hat sich jedenfalls auch noch niemand.
Juan hat das so formuliert: “Todos estudiantes de mí universidad son ricos – menos yo.” Seine Eltern haben die Zahlungen vor einem Jahr eingestellt und jetzt muss er arbeiten um für seinen Lebensunterhalt aufzukommen (hauptsächlich Studiengebühren und Miete).
Die maximalen Einkommensabgaben (Steuern, …) belaufen sich auf 30%, beinhalten allerdings keinerlei Sozialabgaben. Somit sind jegliche Hilfen für Arme auf freiwilliger Basis und ob da alle nach Kräften beisteuern oder nur klagen es gäbe so viele Arme und doch nichts tun? Keine Ahnung. Cesar jedenfalls hat mal eine große Mülltüte voll Zahnpastatuben im Büro dabei gehabt und dann den Armen gespendet.

Essen und Trinken

 

Beim letzten Mal habe ich mich darüber beschwert, dass es hier dauernd Nudeln mit Thunfisch gibt. Das hat sich inzwischen deutlich reduziert und bis gestern Abend wollte ich hier nun berichten, dass das neue Lieblingsgericht Leber ist. Gestern zum Abendessen gab es dann Leber und Nudeln mit Thunfisch zusammen. Wo soll das nur enden?
Ernesta isst übrigens gezielt lauter Dinge, die es in Litauen und Europa nicht gibt, also Granatapfel, Lulu, usw. sie ist also schon in einem weiteren Stadium des Praktikums als ich. Sie fliegt aber auch schon etwas eher zurück als ich. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich hier nur Sachen esse, die es in Deutschland auch gibt. Normalerweise esse ich halt das, was auf den Tisch kommt oder was die anderen auch essen. Meine Lieblingsgetränke sind momentan Guarapo (Zuckerrohrsaft) und Postobon Manzana. Letzteres ist, dem Namen nach, sowas wie Apfelschorle. In Wirklichkeit schmeckt es nicht im Geringsten nach Apfel sondern einfach nur künstlich aber sau-gut. Äpfel wachsen in Kolumbien übrigens nicht, weil die einen richtigen Winter brauchen und so kennen die Kolumbianer auch keinen echten Apfelsaft und glauben der würde so wie dieses Getränk schmecken. Vor ein paar Jahren hat der CocaCola-Konzern mit Fanta Manzana ein ziemlich identisches Getränk hier eingeführt und kaum jemand hat ihm Beachtung geschenkt. Dann hat die kolumbianische Firma Postobon ihr Manzana auf den Markt gebracht und das verkauft sich blendend.

ärmere Viertel

 

Sonntags sind die meisten Museen geschlossen und die Kolumbianer nutzen den Tag zum entspannen und folglich bin ich da auf mich selbst gestellt. Häufig gehe ich dann in der Stadt spazieren. Daher ich inzwischen schon alles Richtung Innenstadt besucht habe bin ich vorletztes Wochenende in die andere Richtung, also in die etwas ärmeren Viertel gewandert.
Obwohl es dort angeblich so gefährlich ist, ist das Leben der Leute dort freier und unbekümmerter. Es wird auf der Straße Fußball gespielt, die Kinder spielen verstecken (ein Kind hat sich hinter einer ziemlich dicken Frau versteckt) und aufgetakelte 14jährige Mädchen ziehen um die Blocks. Es war echt schön mal ein paar Leute zu sehen, die einfach ein ganz normales Leben führen.
Im Vergleich dazu leben die Reichen mit der ständigen Sorge um ihre Sicherheit in einem goldenen Käfig, er ist golden, aber es ist trotzdem ein Käfig. Gelegentlich äußert sich das in für mich schon ziemlich komischen Angewohnheiten. So muss man (zumindest als vorsichtiger Kolumbianer) sein Taxi telefonisch bestellen und das nur von ganz bestimmten Taxifirmen. Einfach vor die Haustür zu gehen und den Arm raushalten (so wie ich das bis jetzt gemacht habe) ist folglich keine gute Idee. Soso, da lernt der Flo nach 3 Monaten in Kolumbien dann auch endlich wie man ein Taxi auswählt. Für mich sind die Taxis alle mehr oder weniger gleich reparaturbedürftig und von den Fahrern ist mir bis jetzt noch keiner unheimlich vorgekommen.
Um bei meiner Wanderung nicht plötzlich in einem wirklich gefährlichen Viertel zu landen habe ich mich immer an den parkenden Autos orientiert. Solange da noch ein paar neuere dabei sind können die Leute ja nicht so arm sein und die Gefahr eines Diebstahls ist somit geringer. Auch recht praktisch dabei ist, dass mein Photoapparat in der Hosentasche so gut wie unsichtbar ist und somit keine Begehrlichkeiten weckt.

Paradies

 

Auf eine Einladung von Opción Colombia hin sind Sebas und ich auf deren regionale Konferenz auf eine Finca in der Nähe von Medelliín gefahren. Opción Colombia ist eine Organisation die Praktikantenstellen innerhalb Kolumbiens vermittelt, so ähnlich wie AIESEC, nur ohne den Internationalen Part.
Wir haben dort vorgestellt, was AIESEC so macht, wie wir das machen und warum. Ich habe dabei den Teil Internationalität übernommen und erklärt, warum ein Praktikum im Ausland so toll ist. Sebas hat weite Teile meiner Erzählungen ins Spanische übersetzt und so bin ich mir schon wie ein wichtiger Typ vorgekommen. Wer weiß, ob ich in meinem Leben nochmals einen Übersetzer haben werde!
Alles in allem hat unser Vortrag inklusive Erfahrungsaustausch so etwa 2 Stunden gedauert. Wie Sebas mich schon vorgewarnt hatte wurden wir dann noch eingeladen über Nacht da zu bleiben. Das hieß viele interessante Gespräche und schwimmen gehen um 1 Uhr nachts. :-)
Bei strahlendem Sonnenschein, lauer Brise und perfekter Wassertemperatur haben Sebas und ich uns am nächsten Vormittag dann nochmal dem Pool gewidmet. Als ich mir gerade eine Mandarine vom Baum gepflückt hatte und wir die Aussicht genossen, haben wir beschlossen die Finca früher oder später zu kaufen, es war einfach paradiesisch. Hinzu kam noch die unbeschreibliche Gastfreundlichkeit, denn es wurde nicht nur selbstverständlich davon ausgegangen, dass wir noch zum Mittagessen bleiben, sondern sie haben uns auch noch was zum Trinken und einen Snack an den Pool gebracht. Vor der Abreise haben wir dann noch ein Dankesschreiben für unseren Besuch bekommen, dass Sebas ziemlich frei wie folgt übersetzt: “Danke dass ihr euch am Pool ausgetobt habt, während wir in einer Einheit gesessen sind und auch haben wir uns wirklich gefreut, dass ihr uns das Essen weggegessen habt.”
Zurück in Medellín haben wir den Ausflug mit einem Eisdielenbesuch abgeschlossen und den Rest des Tages bin ich mit einem breiten Grinsen rumgelaufen und abends für mein Leben glücklich ins Bett gefallen. Ich habe das Paradies besucht, was will man mehr?

Reisen

 

Eine AIESECerin hier hat folgenden Footer in ihren eMails:
If you want to see the Caribbean, go to Cuba or Dominican Republic.
If you want to see the Pacific Ocean, go to Chile.
If you want to see The Andes, go to Ecuador.
If you want to see The Amazon, go to Brasil.
If you want to see the pre-columbian cultures, go to México or Perú.
BUT if you want to see all these things together, your destination is definitely Colombia.
Nur schade, dass man viele dieser Sehenswürdigkeiten nicht besuchen kann, weil es zu gefährlich ist. Wenn man also einen Ausflug plant, muss man erstmal schauen wie viele Guerilla- oder Paramilitärübergriffe dort in letzter Zeit stattgefunden haben und besonders auch auf der Straße dort hin. Abhängig davon muss man dann zwischen Auto, Bus, “privatem” Kleinbus oder Flugzeug wählen, oder man lässt es besser ganz bleiben.
Beim Auto sieht der typische Guerillaüberfall so aus, dass alle Insassen bis auf einen gekidnappt werden und der eine muss dann in den nächsten Ort fahren, das Auto verkaufen und kann dann gegen den Erlös seine Mitfahrer wieder frei kaufen.
Normale Busse sind ziemlich gefährlich, da dort auch die Mitfahrer kriminell werden können und sie von Guerilla und Paramilitärs gerne dazu genutzt werden um eine Exempel zu statuieren. Die 50 Toten eines Busses machen sich in der Zeitung einfach besser als die 5 Toten eines Autos.
Wenn man wo hin will, wo es einen Flughafen gibt und man reich ist, nimmt man das Flugzeug. Dabei sieht man dann aber auch nichts vom Land.
Als wir nach Bucaramanga gefahren sind haben wir einen, gerade für Gruppen günstigen, Kleinbus gemietet, wobei jedoch darauf geachtet wurde, dass ich nicht am Fenster sitze um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Zwei Mädchen sind auf Weisung ihrer Eltern mit dem Flugzeug geflogen.
Ist die Situation für die Kolumbianer schon nicht gerade besonders glücklich so habe ich noch die Gewissheit, dass wenn etwas passiert, dass es mir passiert und ich nicht mit einem blauen Auge davon kommen werde. Also, wenn die Guerilla oder Paramilitärs einen Bus anhalten und durchsuchen, werde ich gekidnappt. Es ist wirklich traurig, dass so weite Teile des Landes für mich somit einfach nicht besuchbar sind.

Andere über Kolumbien

 

Mit Ernesta habe ich mal ordentlich über die hiesige Art Termine zu vereinbaren abgelästert. Das funktioniert hier nämlich so, dass man zuerst mal verabredet dies und jenes zu unternehmen. Dann so ein paar Tage vorher macht man einen richtigen Termin mit Uhrzeit aus. Am Tag vor dem vereinbarten Termin ruft man nochmal an, um zu bestätigen, dass man sich immernoch treffen will. Normalerweise kommen hier alle 15-30 Minuten zu spät.
Daher mir das zehnmal rumtelefonieren eigentlich viel zu doof ist, mache ich Termine eher spontan von einem Tag auf den Anderen. Hinzu kommt noch, dass in meinem Haus ein Apparat installiert ist, der ausgehende Telefonate automatisch nach 3 Minuten unterbricht und dann für 3 Minuten das Telefon blockiert. Und das hier, wo man schon erstmal 5 Minuten braucht um sich gegenseitig auszutauschen wie es einem so geht und was man so macht!
Ein Praktikant aus China, der sich hier Tristan nennt, weil seinen richtigen Namen niemand aussprechen kann, hat auf einem Global Village von AIESEC EAFIT folgendes erzählt: Kennt ihr Tom Hanks? Mögt ihr Tom Hanks? Kennt ihr seinen Film Forrest Gump? Dann kennt ihr bestimmt auch Forrest Gumps Lebensmotto “a promise is a promise”? Mir hat hier mal ein Kolumbianer gesagt, er würde mich am Abend nochmal anrufen. Ich habe bis 3 Uhr nachts gewartet und es hat niemand angerufen. Hmpf.
Auf einer Internetseite von zwei USAlern, die eine Rundreise durch Kolumbien gemacht haben, stand als Kommentar über Medellín “This city is just too red.” Wer schonmal in Medellín war weiß wahrscheinlich sofort, worum es geht. Das Lieblingsbaumaterial ist der Ziegelstein. Das bedeutet, dass alle ärmeren Viertel der Stadt einfach rot sind, weil die Leute dort kein Geld für einen Putz ausgeben wollen (oder wenn, dann nur für die Vorderseite). Aber auch die Appartmentblocks der Reichen sind knallrot, denn die haben eine aufgeklebte Fassade aus kleinen Ziegelsteinen. Weil das aber noch nicht rot genug ist, wird dann häufig auch noch der Bürgersteig mit Mustern aus roten Fliesen versehen.

meine Berichte

 

Wie man an der Textlänge ablesen kann, macht es mir Spaß diese Berichte über mein Leben und meine Erlebnisse hier zu schreiben. Zum großen Teil durch positives Feedback motiviert (Danke, danke!) und dadurch, dass ich meinen USA-Bericht immer mal wieder gerne anschaue. Teilweise hat es hier aber auch schon fast Tagebuchcharakter und für einige Absätze (wie z.B. “Fazit”) muss ich erstmal überlegen, wie es überhaupt aussieht und kann somit meinen Aufenthalt hier selbst reflektieren. (Wer in der ev. Jugend war, weiß, wovon ich rede.)
Nach dem letzten Bericht, der ja so lang geworden ist, habe ich gedacht “Vielleicht hätte ich mir doch ein paar Themen für den nächsten Bericht aufheben sollen.” Wenn ich mir nun “mein neustes Meisterwerk”, das du gerade liest anschaue, kann ich mich wohl bestätigt fühlen, nichts für diesen Bericht aufgehoben zu haben. (Ob ich die 10 Seiten noch voll bekomme?)
Zu meinem technischen Equipment ist anzumerken, dass sich das gelegentliche Problem mit der Festplatte meines Laptops inzwischen zu einer Vollblockade ausgewachsen hat und ich somit diesen Text hier mit OpenOffice unter Knoppix (Linux-Distribution komplett von CD) schreibe. Mein Photoapparat hat nachdem er mir runtergefallen ist für ein paar Tage ein interessantes Eigenleben entwickelt (Einstellungen geändert, ohne Grund ausgeschaltet, …) aber jetzt funktioniert er wieder vorbildlich und irgendwie habe ich das Gefühl die Bildqualität ist jetzt sogar besser als zuvor. Oder weiß ich es jetzt nur mehr zu schätzen?
Daher mein Photoapparat so gut in die Hosentasche passt habe ich ihn ziemlich häufig dabei und kann so jede Menge Photos machen. Sebas hat vorgeschlagen wir sollten bei AIESEC eine fünfte Art von Traineeship einführen, dass PT = Photographers Traineeship und ich wäre dann der absolute Topkandidat. Mir soll’s recht sein. Tatsächlich habe ich seitdem ich in Deutschland weggefahren bin 618 Photos gemacht. Das ergibt einen Durchschnitt von 7 Photos pro Tag.

Fazit

 

Langsam kommen auch die negativen Aspekte des Lebens in Kolumbien zum Vorschein. Ich bin gerade an dem Punkt, wo ich gerne mehr unternehmen würde, aber weil ich zu faul bin, ich den Anderen nicht dauernd auf die Nerven gehen will oder es zu gefährlich sein könnte nicht so viel mache. So weit mein Gefühl, wenn ich mir das jetzt aber mal für das gerade vergangene Wochenende überlege sieht es eher so aus, dass ich gerne in eine andere Stadt gefahren wäre, stattdessen aber eben im Museum, auf einem Basar, beim Einkaufen, zweimal beim Eisessen, beim Essen bei einer Freundin und in der Disco war.
Momentan würde ich sagen, dass ich hier zwar gerne wohne und es viele schöne Momente in meinem Leben gibt, aber für immer hier bleiben, sagt mein Gefühl aus dem Bauch, möchte ich eigentlich eher doch nicht. Inzwischen vermisse ich auch Deutschland manchmal. So fehlt mir außer meinen Freunden und allen die ich lieb habe, z.B. im Gras zu liegen und ein Buch zu lesen, Klettern gehen oder das Essen. Heute hatte ich Heißhunger auf Zwetschgen und was gab es zu Essen, wieder nur Reis mit Fleisch, Platano maduro frito, Sancocho und Lulu-Saft. Um es nochmal klar zustellen: Also KEINE Zwetschgen!
So schlimm und trist, wie sich der letzte Absatz jetzt anhört ist es nun auch nicht und ich wohne immernoch gerne hier und manche Momente will ich hier auch nicht missen: Zum Beispiel: Ich sitze am Balkon, die Sonne scheint, es weht ein laues Lüftchen, ich lese ein Buch, in der Hand ein Glas mit eisgekühltem Mangosaft. Das spanische Wort für dieses Arrangement “suave” beschreibt schon durch den Klang wie man sich fühlt.
Aus meinem Standardsatz der letzten zwei Berichte habe ich mich dieses Mal entschlossen das “super toll” durch “gut” zu ersetzen, also: Momentan gefällt es mir hier richtig gut. Folglich bleibe ich wohl noch ein bisschen. :-)Liebe Grüße und Adios!

Flo

PS: Noch länger als der letzte Bericht? Es steht jedem frei, den Text in beliebig kleine Untereinheiten zu unterteilen! Beim Lesen in einem Buch ist das ja auch kein Problem! Und endlich kann ich schwafeln, was das Zeug hält. Juhu!