Leben in Kolumbien – Kurz vor Schluss

Inhalt

Kurz vor Schluss
Español
Colombia y Estados Unidos
Progress
Kurzgeschichten
Silicon Valley
Bomben
Datenschutz
Fazit

  

Kurz vor Schluss

Mein Praktikum nähert sich in großen Schritten seinem Ende. Eigentlich seit der Hälfte habe ich das Gefühl, als würde ich bald wieder nach Deutschland zurück fliegen. Jetzt habe ich noch einen guten Monat übrig und mich packt schon die Torschlusspanik, dass ich nicht genügend touristische Ziele besichtigt haben werde. Folglich bin ich jetzt bei meiner Wochenendgestaltung ziemlich aktiv und fast nie zuhause.
Mittlerweile ist es für mich und die anderen Leute normal, dass ich hier bin und dementsprechend geht jeder wieder mehr oder weniger seinem normalen Leben nach (und will nicht ganz unbedingt was mit dem Prakti unternehmen). Folglich bin ich jetzt weniger in das Leben hier integriert als vor zwei Monaten. Oder vielleicht ist es auch auf gleichem Level geblieben und ich hatte mir eine Vertiefung erwartet. Bei einigen Leuten lässt sich die Beziehung aber auch einfach aufgrund der Sprachbarriere nicht weiter vertiefen. Daher ich aber dauernd neue Freunde kennenlerne hätte ich sowieso nicht genügend Zeit für alle.
Bei AIESEC gibt es eine Kurve, die die Glücklichkeit während des Austauschs anzeigt. Etwa in der Mitte des Praktikums hat die Kurve ihren Tiefpunkt. Ich fühle mich jetzt zwar nicht unbedingt wie am “Tiefpunkt”, aber sagen wir mal, es war schonmal besser. Habe ich schon erwähnt, dass ich gerade Schnupfen habe.
Mag sich jetzt ziemlich trist anhören, ist es aber eigentlich nicht. Es gibt immernoch fantastische Tage und traumhaft schöne Momente. Wenn ich mir z.B. mein Leben vor dem Praktikum oder das von so manchem Kolumbianer anschaue, ist das was ich hier erlebe immernoch einfach toll.

Nachtrag 1
Das da oben habe ich letzte Woche geschrieben. Jetzt sehe ich die Sache schon wieder ganz anders. Die ersten zwei Absätze stimmen noch, aber das mit der Position auf der Glückskurve muss deutlich nach oben korrigiert werden. Der Schnupfen ist jetzt so gut wie vorbei und ich war gerade in der lauen Winter/Sommernacht spazieren und Lieder singen. Ich fühle mich einfach toll und da kann ich den obigen Absatz so halt nicht stehen lassen.
Nachtrag 2
Nochmal eine Woche später: Die nachlassende Beachtung von den Leuten hier (siehe oben) hat inzwischen auch eine weitere Erklärung, denn bis diese Woche waren Prüfungen und davor eben ein bisschen mehr lernen und weniger mit-dem-AIESEC-Prakti-rumhängen. Glückskurvenposition: oberes Drittel, Tendenz steigend. :-)
Nachtrag 3
So und gerade beim Formatieren jetzt zum letzten Mal: Gute zwei Wochen vor Schluss bin ich sehr glücklich und genieße alles und finde eigentlich alles toll. Glückskurvenposition: Irgendwo ziemlich weit oben.

  

Español

Was mir immer mehr und mehr auffällt, ist das Spanisch eine viel kontextabhängigere Sprache ist als Deutsch. Das heißt, dass viele Wörter erst klar werden, wenn sie im Zusammenhang benutzt werden. Zum Beispiel bedeutet “sobre” “auf”, “über” und “Briefumschlag”; “ahorita” bedeutet “nachher” und “vorhin”; “alud” bedeutet “Welle” und “Erdrutsch”; “plata” bedeutet “Silber” und “Geld” und es gibt noch viele andere Wörter mit mehreren Bedeutungen, die mir jetzt aber gerade nicht einfallen wollen. Oh, eines weiß ich noch: Gelegentlich werde ich von den Kolumbianern mit “mono” angeredet, womit “blonder Mann” gemeint ist. Außerdem bedeutet “mono” noch “Affe” und “hässlicher Teufel”. Da fühle ich mich doch gleich angesprochen!
Bei aufzählbaren Sachen muss man auch immer ganz genau aufpassen. Denn man sagt hier nicht z.B. “die zweitgrößte Stadt” sondern einfach “die zweite Stadt”, was aber eben auch die zweitälteste, schönste, wirtschaftlich potenteste oder sonst was heißen kann.
Die Deutschen haben Denglish, da wollen die Kolumbianer natürlich nicht nachstehen und so gibt’s hier Spanglish. Allerdings sind ihnen scheinbar die englischen Bezeichnungen etwas zu lang und so lassen sie einfach die zweite Hälfte weg. Turnschuhe etwa heißen einfach “tennis” (also ohne Schuhe) und Schlafsack heißt nur “sleeping” ohne Sack.
Wenn man einen Kraftausdruck braucht ist “joe puta” wonach man sucht. Es lässt sich eigentlich in jedem Zusammenhang einsetzen, etwa so wie “Scheiß” im Deutschen. Das ist jetzt nichts, was mir erst letzte Woche aufgegangen ist, aber bis jetzt habe ich es lieber ignoriert. Nachdem ich aber kürzlich beim Zelten war und das Zelt nur zur Dekoration war und nicht etwa um das Gewitter abzuhalten, kann ich den Ausdruck einfach nicht mehr ignorieren. Die anderen Wörter, die ich dort gelernt habe waren “sleeping” und “mojado” und der typische Satz war: “Joe puta! Mí sleeping está joe puta mojado!”
Na und wie steht es um mein Spanisch? Letzte Woche hat Sebas zu mir gesagt: “In dem letzten Satz hattest du jetzt drei Fehler! Es ist purer Zufall, dass wir überhaupt verstehen, was du sagst.” Endlich mal eine ehrlich Auskunft zu diesem Thema. Sonst darf ich mir immer anhören, wie toll mein Spanisch doch sei, aber ich weiß genau, dass es eben nicht so irre toll ist. Aber – wenn auch durch Zufall – ich kann mich verständigen und das ist doch schon mal was!
  

Colombia y Estados Unidos

Das die Leute aus den USA hier nicht gerade den besten Ruf genießen habe ich ja schon mal in früheren Berichten durchscheinen lassen. Aber trotzdem ist Kolumbien sehr eng mit den Vereinigten Staaten verbunden. Für viele Menschen hier ist es ein Traum in die USA auszuwandern oder sie gehen dort hin, weil sie z.B. hier keine Anstellung finden oder sie ihr Glück versuchen wollen. Aufgrund dieser großen Wanderbewegung dürfen Kolumbianer auch nicht an der Green-Card-Lotterie der USA teilnehmen.
Eine typische Situation ist: Ein Student erhält sein Diplom als Elektroingenieur und macht sich auf die Jobsuche. Nachdem er sich bei allen Firmen die dafür in Frage kommen beworben hat (das sind in Kolumbien nicht unendlich viele) und von allen eine Absage bekommen hat, gibt es zwei Möglichkeiten. Die Erste wäre er bleibt hier und arbeitet als irgendwas für 100 – 200 Euro pro Monat. Die Zweite ist er geht in die USA um dort zu arbeiten, als Tellerwäscher (Der Job ist wirklich üblich!), und verdient vielleicht 1000 – 1500 Dollar pro Monat. Also im Monat etwa das, was er in Kolumbien im ganzen Jahr verdienen würde. Davon wird dann ein bisschen Geld zur Familie in die Heimat geschickt um deren Leben zu sichern oder um es für die Zeit nach der Rückkehr aufzuheben. Diese Geldtransfers sind, nach dem Erdölexport, die zweitgrößte (legale) Divisenquelle des Landes.
Auch wenn die Kolumbianer das Fernweh packt geht es fast immer in die USA zum Urlaub machen. Neulich war in einer Zeitung ein sehr günstiges Angebot für einen Flug in das “Land der Träume” und Juan und ich haben natürlich sofort den Grund entdeckt: Es ist ein Hin- und Rückflug. Da kann die Fluggesellschaft ordentlich sparen, denn den Rückflug werden wahrscheinlich nur sehr wenige wirklich antreten. 😉
Naja, ganz so ist es jetzt auch wieder nicht, aber die Richtung stimmt.
Mit USA ist übrigens zu 99% Miami und Florida gemeint und folglich gibt es dort inzwischen auch mehr Kolumbianer und Kubaner als Nordamerikaner. Die USA haben einst den Teil Kolumbiens, der jetzt Panama heißt, besetzt und dann “abgekauft”. Jetzt holen die Kolumbianer zum Gegenschlag aus und nehmen den USA Florida ab.
Desweiteren dienen die USA als Vorbild und Quell von Ideen. Juan hat mir das wie folgt erklärt: Jemand fliegt in die USA und sieht dort dann irgendwas, was es in Kolumbien nicht gibt, also etwa ein Lampengeschäft mit grünen Wänden und blauem Boden. Nachdem er dann nach Kolumbien zurückgekehrt ist, macht er hier ebenfalls ein Lampengeschäft auf und zwar ebenfalls mit grünen Wänden und blauem Boden. In der Nähe von meinem Haus gibt es ein sehr gutes Beispiel dafür, die “Mall Laureles”. Das ist wirklich ein 1:1 Nachbau und könnte unverändert auch irgendwo in einer Kleinstadt in den USA stehen.
Zu einem großen Teil ist auch das mit der Guerrilla und den Drogen mit den USA verkoppelt. Die Guerrilla und auch die Paramilitärs generieren sehr viel Geld aus dem Drogengeschäft. In Kolumbien gibt es eigentlich kein Problem mit dem Drogenkonsum, sondern in den USA. Um das einzudämmen schicken sie Geld und den Auftrag zum Krieg, teilweise auch an Entwicklungshilfe gekoppelt – kein Anti-Drogen-Krieg bedeutet keine Entwicklungshilfegelder. Die Meinung hier dazu ist bei vielen, dass die Kolumbianer den Kampf gegen die Drogen für die USA führen und mit kolumbianischem Blut bezahlen.
  

Progress

Und wieder einmal ein paar Ergänzungen und Anmerkungen zu Punkten, die ich früher schonmal erwähnt habe:
1. Nochmal zur kolumbianischen Art und Weise Termine auszumachen, bei der man immer erst ein paar Stunden vorher weiß, ob jetzt, oder doch nicht. Letztes Wochenende hatte ich mehrere Einladungen gleichzeitig (Samstagabend zwei, Sonntagabend drei). Daher ich nicht nachher alleine zuhause sitzen wollte, habe ich mir also alles offen gehalten. Dann ist aber keiner der fünf Termine ausgefallen und ich musste welche absagen, die dann natürlich nicht gerade begeistert waren. Ich habe keine Ahnung, wie die Kolumbianer das machen um solche Probleme zu umgehen. Die deutsche Art mit fixen Terminen gefällt mir jedenfalls besser.
Um die Probleme mit den Terminen ganz zu umgehen habe ich auch ein paar Ausflüge eben alleine gemacht. Das ist aber auch keine gute Lösung, weil dann von allen Seiten die Frage kommt “Warum hast du mich nicht angerufen? Ich wäre so gerne mitgekommen!”
2. Endlich kann ich mal was über das Wetter hier berichten! Seit etwa Mitte März ist hier “Winter”. Richtig, diese kalte Jahreszeit. Schnee ist zwar noch keiner gefallen, aber dafür regnet es fast jeden Tag und man hat so seine Wehwehchen wie Grippe oder Schnupfen. Ich habe sogar hin und wieder mal einen Pullover an, weil es so kühl ist. Begleitet wird das ganze von Hochwasser und Erdrutschen. In einem ärmeren Viertel von Medellín wurde bei einem Erdrutschlein ein Haus mit drei Kindern drin verschüttet.
Daher sich die Deutschen ja so für das Wetter interessieren und Horrormeldungen immer gut sind, gab es dazu auch einen Artikel bei N-TV. Von meinem Standpunkt in Medellín aus gesehen war fast alles in dem Artikel falsch oder unklar dargestellt um es dramatischer zu machen. So stand im Kontext des Erdrutsches in Medellín, dass 35 Menschen gestorben seien. Tatsächlich sind diese 35 Menschen wirklich gestorben, allerdings seit Anfang des “Winters” im März. Desweiteren kann man lesen, dass sogar die Lebensmittelversorgung der Hauptstadt nicht sicher sei. In der Medellíner Zeitung El Colombiano des selben Tages geht es unter der Überschrift “No hay traumatismo con alimentos” um das gleiche Thema, jedoch eher mit gegenteiliger Aussage.
3. Schon vor dem vorherigen Bericht wurde Maria das Servicio entlassen, weil sie nicht am Wochenende arbeiten wollte und einmal 30 Minuten zu spät gekommen ist. Als sie nach ihrer Entlassung nochmal da war um ihre Sachen abzuholen habe ich gedacht, sie arbeitet jetzt doch wieder hier und habe sie voller Freude gefragt, wie es ihr geht. Genau in die Mitte des Fettnäpfchens getroffen. Sie hat natürlich “Bien gracias.” Geantwortet, aber in einem Tonfall, der was ganz anderes erzählt hat.
Dafür sind zwei weitere Mieter Jaime und José Davíd eingezogen, die als Beruf versuchen den Leuten Englischunterricht zu verkaufen, aber selbst kein Englisch sprechen.
4. Wen ich bis jetzt noch nicht überzeugen konnte, dass es hier eine richtige Bonzen-Oberschicht gibt, für den hier noch ein Nachtrag: Bei einem Besuch der Universität EAFIT bin ich mal über den Parkplatz geschlendert und dort reiht sich dann ein neues, teueres Auto ans Andere. Ein Corsa ist da noch die günstige Version. Um auf dem riesigen Parkplatz parken zu dürfen muss man zur Studiengebühr noch extra was dazuzahlen, aber wen juckt das schon?
5. Nochmal zum Rauchen: Das hier nicht so viele Leute rauchen, ist auch den Zigarettenherstellern schon aufgefallen und so machen sie sich mit allen Mitteln über die Bevölkerung her. Als Hauptzielgruppe, so kommt es mir vor, hat man dabei die Jugendlichen ins Auge gegriffen. So sind Bars und Discos etwa von irgendwelchen Zigarettenmarken gesponsert. In der Mensa der Universität EAFIT sind Pavillons mit Werbetafeln versehen, zwischen der Speisekarte prankt ein Zigarettenlogo und zu kaufen gibt’s Zigaretten natürlich auch. Wenn man ins Kino geht ist es häufig günstiger sich vorher eine Stange L&M zu kaufen, die dann ein Gutschein für 2x Eintrittskarte+Popcorn+Getränk ist. Bleibt nur die Frage, was man dann danach mit den ganzen Zigaretten anfängt. Wir haben versucht sie den Zirkuskünstlern an den Ampeln zu schenken – Fehlanzeige, Nichtraucher.
Das Traurige an der Angelegenheit ist, dass es so aussieht, als würde diese aggressive Werbung Früchte tragen. Es gibt deutlich mehr Jugendliche, die rauchen, als Erwachsene.
  

Kurzgeschichten

Da schlendere ich mit Sofi über den Künstlermarkt San Alejo, der jeden ersten Samstag in der Innenstadt stattfindet. Als wir uns dem Brunnen nähern fällt mir ein, dass ich dort beim letzten Mal eine sehr provozierende Kette gesehen habe. Was meine Begleitung wohl davon hält? Ah, da ist sie, die Kette mit dem Hackenkreuz. Ich mache Sofi auf die Kette aufmerksam und sie sagt “Oh ja, sieht hübsch aus, findest du nicht?” Nein, finde ich nicht. Dann erzähle ich ihr, dass das Hackenkreuz das Symbol der Nazis war und sie erleidet einen mittleren Schock.

Da schlendere ich mit Sofi über den Künstlermarkt San Alejo, der jeden ersten Samstag in der Innenstadt stattfindet. Plötzlich klopft mir jemand von hinten auf die Schulter und ruft “Hola”. In Erwartung irgendeinen Freund getroffen zu haben, drehe ich mich um und schaue in das Gesicht einer etwa 40jährigen unbekannten Frau. Sie starrt mich an und sagt zu ihrer Begleitung “Tatsächlich, wie wunderschöne blaue Augen!” Und zu mir “Muchas gracias Señor! Qué lindos ojos.” Ich grinse sie an, drehe mich um, schüttele den Kopf und setze meinen Weg fort.

Eines schönen Tages sitze ich im Café und studiere die Karte. Brownie, Crossaint, Champions mit Knoblauch, Champions auf schweizer Art. Hm, was ist denn das? Der Untertitel verrät es: mit Parmesankäse. Oh, ich habe gar nicht gewusst, dass Parma in der Schweiz liegt.
Während ich noch an meinen Erdkundekenntnissen zweifele fragt der Junge am Nachbartisch den Kellner, was denn bitte ein Espresso sei.

  

Silicon Valley

Die Straße vom Flughafen in die Stadt wartet mit dem einen oder anderen schönen Ausblick auf die Stadt auf und mit einer Menge von Werbetafeln, die fast nackte Frauen zeigen. Das soll heißen: Willkommen in der Stadt der schönsten Frauen der Welt! Willkommen im Silicon Valley!
Das mit den schönsten Frauen der Welt ist wenigstens die Meinung der Einheimischen und die besagten Werbetafeln sind nicht für die Männer gedacht, sondern für die Frauen, die immer hübscher werden wollen um die “Levis Jeans – dangerously low” zu tragen oder nur Turnschuhe und Slip und sonst nichts. Dieser Schönheitswahn führt dann dazu, dass viele Frauen täglich ins Fitnessstudio rennen und eben auch den Chirurgen nachhelfen lassen. Der macht aber auch vor den Männern nicht halt und verpasst ihnen z.B. vorgeformte Six-Pack-Bauchmuskeln.
Nun, wenn der Körper schon so wichtig ist, beschäftigt sich natürlich auch das Fernsehen damit. So wurde etwa die Wahl der Miss Universe live übertragen und nach den Nachrichten kommt nicht das Wetter, sondern “moda”. Die wichtigste Mode ist natürlich der Bikini und Unterwäsche und der Kameramann weiß, wie man filmen muss um auch noch diesen vermeintlich verdeckten Teil freizulegen. Die Ähnlichkeit mit Tutti-Frutti ist frappierend. Bei den drei Mal, die ich die Sendung gesehen habe, kamen einmal übrigens Männer vor: Sie haben Mäntel zur Schau vorgeführt.
  

Bomben

Ich sitze in meinem Büro, arbeite schön vor mich hin und auf einmal kracht es gewaltig. Ich habe mir gedacht “So, jetzt ist es also soweit, das war also eine Bombe.” Keine Ahnung wieso, aber ich bin völlig ruhig geblieben und mal langsam zum Fenster geschlendert um einen Blick nach draußen zu werfen. Alles ruhig. Da fällt mir auf, das die Fenster bei der Explosion nicht gezittert haben. Nach meinen rein theoretischen Überlegungen sollten sie das bei der Druckwelle der Bombe aber. Kurz später erfuhr ich dann die Lösung: Das war keine Bombe, sondern ein Stromtransformator, der explodiert ist. Das ist hier nichts besonders außergewöhnliches und ich habe es seitdem noch einmal zuhause erlebt. Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht gewusst, dass die überhaupt explodieren können – naja, man lernt eben nie aus.

Ich sitze in meinem Büro, arbeite schön vor mich hin und auf einmal geht draußen ein Gekrache los. Hört sich an, wie Schüsse. Ehrlich gesagt habe ich nicht den blassesten Schimmer, wie sich Schüsse anhören, aber es war halt so in etwa wie im Fernsehen. Wiedermals ganz ruhig habe ich mir gedacht, das ist jetzt also eine Schiesserei der Polizei mit ein paar Gangstern irgendwo um die Ecke. Ziemlich vorsichtig – es könnte ja eine Kugel rein fliegen – habe ich mich dem Fenster genähert um einen Blick zu riskieren. Auf der anderen Straßenseite standen drei ältere Leute und haben die Straße runter geschaut. Also ist der Kampf offenbar nicht direkt vor meinem Fenster und ich habe zur selben Richtung geschaut, jedoch sieht man da von meinem Fenster nicht so viel und raus gehen wollte ich dann doch nicht. Als sich die Schüsse intensiviert haben, haben sich die alten Leute von gegenüber hinter einem Auto auf den Boden in Deckung gelegt. Ich bin vom Fenster weg und wieder an meine Arbeit gegangen. Später haben mir meine Kollegen erzählt, das wären Silvesterböller gewesen. Die werden hier immer mal wieder einfach so zum Spaß, z.B. nach einem gewonnenen Fußballspiel, entzündet. Ich bin mir nie so ganz sicher, ob es jetzt wirklich Böller sind, aber diese Antwort ist mir eigentlich lieber. Irgendwie ist halt doch was von den tausend schlechten Geschichten über Kolumbien hängen geblieben.

Die dritte Art von Bomben, die ich bis jetzt kenne sind die Blitze der Gewitter. Das kracht teilweise, dass man wirklich Angst um sein Trommelfell hat. Allerdings gibt es in Form von Donner immer ziemlich schnell Entwarnung.

  

Datenschutz

Wer hat sich schonmal als gläserner Kunde gefühlt? Oder sich gewünscht seine Daten wären etwas mehr vor den Massenwerbesendungen geschützt? Verglichen mit dem Zustand hier ist das aber noch richtig harmlos. Denn hier wird immer alles mit der Nummer der Cedula (etwa Personalausweis) versehen und ist damit mehr als personenbeziehbar.
Man meldet sich also bei irgendeinem Event an: Vornamen, Nachnamen, Cedula. Man kauft eine Hose: Damit man die später umtauschen kann, muss man wiedermals die Cedula angeben. Beim Gewinnspiel im Photoladen werden die Gewinner auf großen Plakaten mit dem gewonnen Roller abgebildet und natürlich mit der Cedula. Um ins Fitnessstudio rein zu kommen, muss man seine Cedula in ein Panel eingeben. Kinokarten reservieren: Cedula. Messeeintrittskarte: Ihre Cedula bitte? Ich glaube die tätowieren hier heimlich die Cedula auch den Babies ins Ohr, wenn man nicht aufpasst. Stichcode quer über die Stirn wäre doch auch eine nette Sache, oder? Zum Glück weiß der Kolumbianer seine Cedula auswendig und erspart sich so zumindest das.
Nun, daher ich weniger als 6 Monaten im Land bleibe habe ich keine Cedula und bin somit ein blinder Passagier im System – und habe Spaß dabei! “Ihre Cedula bitte.” – “Mit Vergnügen! (Was nehmen wir den heute?) 12345678.” Oder wenn es irgendwie wichtig ist, dass ich mir die Nummer merken kann muss eben meine Telefonnummer in Deutschland herhalten, die zufällig, wie die Cedula, auch acht Stellen hat. Wenn es wirklich sein muss (wie für meinen Firmenausweis) muss ich dann aber wirklich doch meinen Personalausweis bemühen, dessen Nummer aber 10stellig ist und in kein Formular passt.
  

Fazit

Das hier sind wohl meine letzten offiziellen Worte aus Kolumbien, denn ich habe nur noch 3 Wochen in diesem wunderschönen Land mit den so liebenswerten Bewohnern. Oder auch andersrum: liebenwertes Land mit den so wunderschönen Bewohner(inne)n. 😉 Man sieht schon, die Einstellung der Leute hier hat schon auf mich abgefärbt … Vorurteile bedürfen eben einer guten Pflege, sonst sterben sie aus. Meine wirkliche Einstellung zu diesem Thema hat sich aber seit dem ersten Bericht nicht geändert.
Ich muss sagen, ich genieße meine letzten Tage hier und bin schon etwas traurig, dass ich bald gehen muss. Was werde ich wohl alles vermissen, wenn ich in Deutschland bin? Was nicht? Wie bald packt es mich und ich muss wieder her kommen? Ich glaube ein Teil meines Herzens schlägt jetzt auch für Kolumbien. Es gefällt mir wirklich super gut und ich werde bis zur letzten Minute alles voll auskosten!
Was immer mich hier gestört haben mag (z.B. mein Gehalt, das gerade seit 9 Tagen überfällig ist), es verschwindet in der Belanglosigkeit verglichen mit den unglaublich schönen Momenten des Lebens.

Colombia te quiero!

Adios!

Flo

P.S.: Ab morgen muss ich mich dann meinem Praktikumsbericht widmen, ich hoffe das macht auch so viel Spass wie diese Berichte hier. Deswegen ist dieser hier auch ein bisschen kürzer – ich hoffe ihr werdet es überstehen. Mehr als je zuvor gilt diesesmal, dass es noch so viel zu erzählen gäbe und es warten auch noch 300 Photos auf Archivierung … jaja, die Zeit eben. Wo kann man die bloß kaufen? In Kolumbien jedenfalls auch nicht.