Leben in Kolumbien – das Nachspiel

Inhalt

Aftermath
Die letzten Schritte auf kolumbianischem Boden
Abschied
Kulturschocks
Wahrheiten
Nachwehen
6 Wochen danach
Fazit

  

Aftermath

So, jetzt sitze ich wieder in Taufkirchen in Deutschland in meinem Zimmer und mein Praktikum ist seit mehr als 3 Wochen aus und vorbei. Für immer. Wie Sebas mir inzwischen per eMail geschrieben hat: mein Traum ist zu Ende.
Ganz schön traurig diese Einsicht, oder? Ja. Aber dieses traumhafte halbe Jahr, das ich verlebt habe, die vielen neuen Freunde und die unglaublich schönen Momente – die Erinnerungen an all das sind so großartig. Wenn ich von meinem Opa immer die Geschichten vom Krieg erzählt bekommen habe (“Da war der Amerikaner unten im Tal und unser Offizier hat die Gewehre eingesammelt. Die hätten wir so schön abschießen können!”) werden meine Enkel dann wohl meine Geschichten aus Kolumbien zu hören bekommen (“Da war ich auf einem Markt und wurde plötzlich angesprochen und bewundert, nur wegen meinen blauen Augen!”).
  

Die letzten Schritte auf kolumbianischem Boden

Während der letzten Wochen in Kolumbien habe ich meine touristische Seite dann auch nochmal so richtig ausgelebt. So war ich während der letzten Wochenenden in Santa Fe de Antioquia einer kleinen Kolonialstadt, auf dem Fels von El Peñol, in Pereira, im Parque del Café, in Armenia und in Manizales. Die allerletzte Woche hatte ich dann komplett frei und so konnte ich da noch ein bisschen weiter weg, nämlich an die Küste zum AIESEC-Colombia-Treffen NATS.
So hatte ich einen sehr sehr schönen Abschied nochmals mit den schönsten Eindrücken des Landes, der Kultur und mit vielen meiner Freunde. Doch hätte ich mir noch mindestens 1 – 2 Wochen mehr Zeit gewünscht.
Nun ja, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist und das war es definitiv. (Das man dann aufhören soll, steht hier nicht aus Überzeugung … Ach, wie gerne wäre ich noch länger geblieben!)
  

Abschied

Scheiden tut weh. Etwa eineinhalb Wochen vor meiner Abflug nach Deutschland ging es los: Viele Dinge habe ich zum letzten Mal gemacht und Freunde zum letzten Mal gesehen. Zuerst die etwas loseren und beiläufigeren Freunde, dann eine Woche vor Schluss an meinem letzten Arbeitstag alle meine Kollegen, dann die AIESECer und ganz am Schluss die engsten Freunde. Es ist wie eine Desintegration, es werden immer weniger Leute, die noch mit einem sind und am Ende steht man völlig alleine da. Ganz am Schluss steigt man dann in das Flugzeug und einem wird auch noch das Land weggenommen.
Meinen Freunden das letzte Chao zu sagen war mit Abstand das Schlimmste am ganzen Auslandspraktikum.
  

Kulturschocks

Das Erste, was mir sofort ins Auge stach, als ich zum ersten Mal über Europa wieder aus dem Flugzeugfenster sah, war, dass die Straßen des portugiesischen Dorfs unter mir NICHT im Schachbrettmuster angeordnet waren. Da tat mein Herz einen kleinen Sprung: Ich bin wieder daheim!
Kaum hatte ich den Flieger in Madrid verlassen, kamen auch gleich Kulturschock Nummer 2 (Alle Wände sind hier verkleidet, kein nackter Beton … was für ein Glitzerpalast ist das hier?) und Nummer 3 (Wie bitte, ein belegtes Toastbrot für 2.80 Euro?).
Nummer 4 war eine Lautsprecherdurchsage am Flughafen in Madrid: “TThheniores y TThhenioras del vuelo TThhincuenta y TThhinco con destinatthhión TThharagotthha por favor …” Oje, was ist denn das für ein Spanisch! Ich flieg’ sofort wieder zurück nach Kolumbien! Das hält ja kein Mensch aus! Hoffentlich läuft mir nicht gleich Blut aus dem Ohr?
Generell würde ich sagen, dass sich das mit den Kulturschocks aber in Grenzen gehalten hat. Sicherlich mehr geschockt, war ich allerdings als ich nach Deutschland zurückgekommen bin und nicht als ich in Kolumbien angekommen bin. Wahrscheinlich, weil ich das bei meiner Rückkehr nicht erwartet hatte und es doch hier in Deutschland etwas anders war.
  

Wahrheiten

Auf einem Video des jährlichen Treffens von ganz AIESEC weltweit (IC) hat ein Mädchen aus Australien lauthals in die Kamera gerufen: “I did a traineeship with AIESEC – and it changed my life!” So Leute, die auf so ein Treffen fahren sind sowieso schon meist ein bisschen komisch und so ein freakiges Australier-Mädel … naja. Das habe ich zumindest gedacht, bis ich selbst mein Praktikum gemacht habe.
Jetzt könnte auch ich dieses Mädchen sein, wenn ich es auch nicht mit so kreischiger Stimme rüberbringen kann, aber es stimmt: I did a traineeship with AIESEC – and it changed my life!

Nun, was ich jetzt, wo ich den genauen Vergleich habe nochmal richtig stellen muss: Die Frauen in Deutschland sind mindestens genauso schön, wie die Kolumbianerinnen. Gut, nicht alle Deutschen sind Schönheitsköniginnen, aber alle Kolumbianerinnen eben auch nicht. Eines muss man aber doch sagen, die meisten Frauen in Kolumbien sehen bis etwa 30 Jahre vom Gesicht her immernoch so jung aus wie Teenager.

  

Nachwehen

In meiner zweiten Woche nach der Rückkehr habe ich die Verkäuferin im Dönerladen nicht verstanden. Und was sage ich? “Cómo?” anstatt “Wie bitte?”. Es passiert mir sogar jetzt noch gelegentlich, dass mir ein Wort einfach nur auf Spanisch oder Englisch einfällt.
Und noch eine komische Eigenheit ist, dass ich mir wenn ich Ausländern irgendetwas sagen möchte oder mir überlege vielleicht etwas zu sagen, dies immer auf Spanisch tue. Ich sehe also z.B. eine Gruppe Japaner, die auf dem Stadtplan etwas nicht finden. Dann überlege ich mir, wie ich auf Spanisch erklären würde, wo es lang geht.

Ganz hibbelig werde ich, wenn ich irgendwo jemanden Spanisch sprechen höre. Andere Leute am Nachbartisch im Restaurant, Touristen in der U-Bahn – ganz egal, ich würde am liebsten gleich dazwischen springen und mitreden.

Eines meiner Mitbringsel ist ein kolumbianischer Balkon. Dieser Balkon hängt jetzt bei mir im Zimmer an der Wand und zwar so, dass ich ihn von meinem Sessel aus gut sehen kann. So sitze ich nun manchmal im Sessel, starre den Balkon an und träume von meiner Zeit in Kolumbien, von der wunderschönen Landschaft, all den Freunden und Bekanntschaften und von den zahlreichen Abenteuern, die ich durchlebt habe.

  

6 Wochen danach

Der in diesem Zusammenhang vermutlich letzte Blick in meine Gefühlswelt, also schauen wir mal … hm … da hätten wir:
Nach meiner Rückkehr aus Kolumbien wurde ich direkt ins kalte Wasser geworfen, hatte also gleich am nächsten Tag Praktikumsunterricht und danach dann relativ bald habe ich bei Siemens zu arbeiten begonnen. Das heißt, dass ich mich nicht schön langsam eingewöhnt habe und das wollte ich auch gar nicht. Endlich wieder mit meiner Freundin, meinen Freunden und meiner Familie zusammen habe ich sehr sehr viel unternommen.
Um ehrlich zu sein, habe ich bis jetzt meine Rückkehr und den ganzen Austausch auch noch nicht so ganz verdaut. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre das hier nur ein kleines Zwischenspiel und dann fahre ich wieder zurück nach Kolumbien.
  

Fazit

Ich kann nur jedem empfehlen mal ein Auslandspraktikum zu machen.
Der Vorteil wenn man sein Praktikum mit AIESEC macht liegt darin, dass eigentlich alles organisiert wird (Arbeitserlaubnis, Visumsvorrausetzungen, Firma, Wohnung) und was für mich sehr schön war: Ich hatte gleich am Anfang einen Schwung neue Freunde in meinem Alter, die mich einfach überall hin mitgenommen haben. Nachteile: keine :-)
Bleibt mir nur noch zu sagen:

Chao y mucha suerte!

Flo