Himalaya

Einerseits völlig normales Wandern und gleichzeitig völlig extrem und unglaublich.
Wir, also Günter und ich und unsere zwei fetten Rucksäcke, sind nach Kathmandu in Nepal geflogen und dann noch mit einer kleinen Propellermaschine weiter nach Lukla. Und dort sind wir los gelaufen. Ein Schritt nach dem anderen. Richtung Everest.
Klingt ganz einfach … und das haben wir dann auch die nächsten 24 Tage gemacht: Einfach von morgens bis abends ein Schritt nach dem anderen. Moment! Vierundzwanzig Tage! Wir waren also 3,5 Wochen wandern am Stück! So viel wie noch nie zuvor in meinem Leben. Und wir haben uns 24 Tage praktisch rund um die Uhr gesehen, der Günter und ich. Und wir mögen uns immernoch :)

Man läuft einfach so vor sich hin und dann immer mal wieder wird man sich bewusst, was man hier eigentlich gerade krasses macht, zum Beispiel nach etwa 12 Tagen wandern sind wir mal auf einem Hügel gesessen und mir ist plötzlich klar geworden was hier eigentlich gerade los ist: Dieser Hügel auf dem ich hier sitze, der ist 5500m hoch. Nett.
DAS IST HÖHER ALS ALLES IN EUROPA !!! Wow!
Und der Berg da gegenüber, das ist der Mount Everest. 8848m. DAS FUCKING GRÖSSTE DING AUF DIESEM GESAMTEN PLANETEN !!! Unglaublich! Krass!

Ankommen

Man kommt zum Mount Everest nur mit dem Hubschrauber oder zu Fuß und wenn man den kürzesten Weg nimmt ist man 7 Tage unterwegs … “Nur mal kurz” gibt’s im Himalaya nicht 😉
Der kürzeste Weg verläuft allerdings hauptsächlich im Tal und ist natürlich der am meisten besuchte Weg. Manchmal kommt es da auch zu Stauungen wenn sich zwei Yak-Karavanen entgegenkommen oder so. Und viele Touristen gibt es natürlich auch. So wie in den Münchner Ausflugsbergen an einem schönen Wochenende. Deshalb haben der Günter und ich uns entschieden nicht den kürzesten Weg zu wählen, sondern sind nach drei Tagen ein anderes Tal hochgelaufen um dann durch Passüberschreitungen und durch seltener begangene Täler zum Everest zu kommen. Somit waren wir häufig nur mit sehr wenigen anderen Gästen oder gleich ganz alleine in den Lodges.
Manchmal standen die Lodgebesitzerinnen schon am Fenster und haben uns “Kommt hier übernachten! Es gibt Zimmer!” zugerufen. Die Zimmer sind auch fast immer identisch und die Speisekarte sowieso und die Preise innerhalb eines Dorfes auch. Was ist dann wichtig? Das Essen soll lecker sein! Also haben wir Leute auf dem Weg gefragt wo sie waren und wie da das Essen so war 😉
Die Lodges, das sind sowas wie Almen in den Alpen, betreiben ein bisschen Landwirtschaft im Sommer, haben ein bisschen Acker und ein paar Yaks oder so. Und während der Touristensaison vermieten sie Zimmer bzw insbesondere verdienen sie eigentlich am Essen, das Zimmer hat nie mehr als 3 Euro für uns beide gekostet und oft war es auch einfach ganz umsonst. Die Touristensaison ist übrigens um den April rum und um den Oktober rum. Mitte-Mai bis Mitte-September regnet es viel zu viel und im Winter ist es kalt und hat ein paar Meter Schnee. Die Einheimischen sitzen dann auch mal wochenlang in ihren Hütten, heizen ihren Ofen mit Yak-Scheiße-Fladen und schauen fern, zumindest insofern sie Strom haben.
Geleitet werden die Lodges übrigens meist von den Frauen, während die Männer als Träger, Bergführer oder Yak-Treiber arbeiten. Oft ist ihr Englisch leider nicht so gut, dass man sich gescheit mit ihnen unterhalten könnte, was sich auch gelegentlich im Menü niederschlägt, oder welches “Dezers” (Dessert) möchtest du heute? Einen “bucket hot water” vielleicht?

Bergsteigen im Everest-Gebiet ist schon deutlich anders, als in den Alpen. Man geht meistens im Tal oder in Talnähe auf Pfaden die für den Warenstransport mit Yaks ausgelegt sind. Das heißt, dass sie zwar schon mal steil oder ausgesetzt sind, aber man niemals die Hände braucht. Auch ist der Fels dort sehr brüchig, man geht also eher oft auf Geröll und die Hauptwege sind auch ziemlich gut ausgetreten und teilweise auch oft stark verschissen, nämlich immer dann wenn es steil bergauf geht, dann werfen die Tragtiere nämlich Balast ab ;). Wenn es dann noch vor kurzem geregnet hat wird so ein Wanderweg eher zu einem Balance-Akt von Stein zu Stein um nicht in den Scheiße-Schlamm steigen zu müssen. Krass, wie die Träger das den ganzen Tag machen und dann auchnoch mit 60kg Gepäck auf dem Rücken … Ja, da ging mal einer vor mir mit so mehreren Bierdosen-Kartons aufgeladen und dann hab ich mal gezählt … der hatte 48kg nur an Bier auf dem Rücken und dann noch ein paar Palletten Eier und noch einen Schwung anderes Zeugs. Im Notfall tragen sie wohl auch Touristen. Ich meine, ich kann auch wen auf dem Rücken tragen – so ein paar Meter! – aber nicht den ganzen Tag lang! Tage lang! Unglaublich.
Irgendwann ist dann auch das passiert, wovor man die ganze Zeit Angst hatte … Günter und ich saßen gerade und haben Pause gemacht und auf dem ziemlich miesen Weg kamen uns 3 vollbeladene Träger entgegen und plötzlich kippt der eine nach links über und stürzt den Hang hinab. Ich sehe es jetzt noch vor mir: Wie in Zeitlupe sehe ich ihn hinunterstürzen und sich überschlagen und letztlich im Gebüsch verschwinden. Wir sind natürlich sofort hin um zu sehen, ob wir irgendwie helfen können und die anderen zwei Träger haben natürlich auch sofort versucht zu helfen … und tatsächlich als wir dort waren, waren sie zu dritt schon dabei die Waren einzusammeln. Offenbar hat das Gebüsch den Träger aufgefangen und ihm ist nicht wirklich etwas passiert, obwohl er bestimmt 10-15m den Hang runtergefallen ist. Ufff. Die Träger scheint das alles nicht so geschockt zu haben. Es wird gelebt und es wird gestorben im Himalaya. Vielleicht hat das mit der Himalaya-Demut zu tun.

Demut

Die Himalaya-Demut hat sich auch bei mir entwickelt. Man steht in der Früh auf, frühstückt und marschiert los. Die Dimensionen sind riesig. Man läuft tagelang das gleich Teil entlang, kann oft vom Start schon den Ort sehen wo man vielleicht heute Abend ankommen wird, manchmal auch schon die Ziele der nächsten paar Tage. Aber wann man wo wirklich sein wird, weiß man nicht, denn gefühlt dauert alles immer dreimal so lang wie man denkt. Zum einen weil man mit zunehmender Höhe immer langsamer wird. Zum anderen auch, weil etwas was auf der Karte wie eine kleine Bachquerung aussieht auch bedeuten kann, dass man erstmal 500m absteigt, dann über die Brücke geht um dann wieder 500m aufzusteigen. Dann ist man zwar schon 4 Stunden gelaufen, hat aber noch überhaupt keine Strecke gemacht, sondern nur kurz einen Bach gequert. Es ist einfach unberechenbar. Noch viel mehr, wenn man in Eis und Schnee unterwegs ist, und in der Früh noch von der Schneedecke getragen wird und dann gegen Nachmittag/Abend alle paar Meter bis zur Hüfte einbricht und sich wieder rauskämpfen muss, nur um ein paar Meter weiter wieder einzubrechen ein ewiger Kampf. Nicht nur anstrengend sondern auch extrem demoralisierend. Um das möglichst zu vermeiden haben wir die langen Passüberschreitungen auch schon um 5 Uhr früh begonnen, in der ersten Dämmerung noch vor Sonnenaufgang und doch waren jeweils die letzten Stunden wirklich ein Kampf. Außerdem wird gegen 4 Uhr nachmittags normalerweise das Wetter schlecht, das heißt, der Tag startet normalerweise mit wunderbarem blauem Himmel und im Laufe des Tages ziehen dann immer mehr Wolken auf und teilweise dazu noch ein eisiger Wind. Und ab 4 ist es dann typischerweise so ungemütlich, dass wir dann eher eine Lodge angesteuert haben … oft hat es dann auch zu regnen oder zu schneien begonnen. Der Himalaya bestimmt wie weit man kommt. Und tatsächlich ist es bei so langen Wanderungen dann auch egal, ob man sich jetzt noch anstrengt um noch ein Dorf weiter zu gehen oder hier bleibt. Ein Tag mehr oder weniger ist bei 24 Tagen dann auch schon egal. Irgendwann gibt man sich dem allen hin. Man steht morgens auf und läuft los und alles andere liegt in der Hand des Himalaya, auch welche Lodge man nimmt und wie das Essen schmeckt. Es passiert so wie es passieren soll. Demut pur.

Die Herausforderungen

Bergsteigerisch herausfordernd ist der Himalaya dagegen eher nicht, so sind die drei größten Herausforderungen:
Die Höhe: Da kann man fit sein wie man will, man braucht Sauerstoff. Und das heißt man muss einfach sehr viel atmen und setzt meditativ einen Fuß vor den anderen. Keine normalen Schritte wie in den Alpen, sondern eher ein Trippelschritt und bei einer größeren Stufe muss man danach ganz anhalten und erstmal zweimal durchatmen. Bergab ist nicht so anstrengend und man kann in normalem Tempo gehen und ist somit extrem viel schneller als bergauf. Außerdem braucht man bergab keine Akklimatisationstage … und man merkt dann weiter unten bei Steigungen auch, dass man auf einmal auch bergauf in zackiger Geschwindigkeit voran kommt. Ha! Wir waren ja auch wochenlang im Höhenlager!
Die Kälte: Wir waren 10 Tage oberhalb von 4400m und das bedeutet wir waren 10 Tage in Eis und Schnee. Morgens war alles auch in den Zimmern gefroren, alles Wasser und auch das Wasser zum Spülen am Klo oder zum trinken. Tagsüber dann durch ewiges Eis, über zugefrorene Bäche und durch den Schnee, nachmittags dann der eisige Wind und abends gab es dann endlich ein paar Stunden Wärme am Ofen in der Mitte das Raumes und von ein paar Tassen Tee. Auch die Schuhe haben wir dann zum Trocknen um den Ofen gestellt und man konnte richtig sehen wie die Feuchtigkeit verdampft. Danach ging es dann in die unbeheizten Zimmer und in den zum Glück kuschelig warmen Schlafsack … und spät nachts dann nochmal: Stirnlampe an, aus dem Schlafsack raus und sofort die Daunenjacke anziehen und aufs Klo … das kommt auch von der Höhe. Strom gibt es übrigens auch eher selten oder nur für ein paar Stunden abends. Ach, und die Einheimischen haben sowieso rund um die Uhr drinnen und draußen eine Daunenjacke an. Vielleicht werden die auch schon in einer Daunenjacke geboren? Irgendwann hatten wir dann genug von der Kälte und sind in einen Ort unterhalb der Schneegrenze abgestiegen und haben unseren Augen gegönnt einen Tag auf eine braungelbe nur im Schatten gefrorene Wiese zu schauen. So toll. Nur um danach wieder in die Kälte aufzusteigen … in die Extremste Kälte von allen, zur Besteigung des Island Peak. Zuvor aber noch zur dritten großen Herausforderung, der Logistik.
Die Logistik: Geschäfte wie man sie bei uns kennt gibt es in der Everest-Region nur in ein paar Orten entlang der Haupttouristenroute und die haben dann auch hauptsächlich das, was Touristen so kaufen: Snickers, Klopapier, Äpfel, Müsliriegel. Alles völlig überteuert. Snickers zum Beispiel für 3 Euro. Nun, den hat allerdings auch jemand tagelang hier hoch getragen! Ja, tatsächlich wird so gut wie alles nach Lukla eingeflogen und dann tagelang hochgetragen. Oder direkt vom Bauernhof wo es produziert wurde hochgetragen. Die Einheimischen kaufen im Hauptort der Region auf dem Samstagsmarkt ein. Da geht man teilweise mehrere Tage von den entfernteren Orten … und kauft dann das Essen für die nächsten Wochen ein und befördert es mit Tragtieren oder auf dem eigenen Rücken wieder zurück nachhause. Das bei einer Everestbesteigung im Camp 6 auf 8200m dann zum richtigen Zeitpunkt die richtige Menge an Essen, Gas zum Kochen, Zelte, Equipment und Sauerstoffflaschen bereitliegen ist eine logistische Meisterleistung. Das können die Sherpas! Kein Wunder, dass man auch immer das jederzeit frisch gekochte Essen immer gleichzeitig serviert bekommt.

Die schönsten Tage

Die drei schönsten Tage überhaupt waren für mich die Überschreitung des Renjo La, des Cho La und die Besteigung des Island Peak. Das waren auch die mit Abstand anstrengendsten Tage. Der Renjo La war unser erster Pass und alle Leute unterwegs sagten uns, er wäre überhaupt noch nicht offen, weil so viel Schnee liegt. Wir dachten uns dann, na gut, schauen wir mal wie die Bedingungen sind und im schlimmsten Fall gehen wir eben wieder zurück und außenrum. Auf dem Weg das Tal zum Beginn des Renjo-La-Weges fing es dann auch am dritten Tag zu schneien an und bis wir in Lungden, dem letzten Ort vor dem Pass angekommen waren, waren wir schon stundenlang durch Schneegestöber gelaufen, waren durch die schlechte Karte auf dem falschen Weg gelaufen und sind dann dank eines Yak-Treibers der uns fragte wo wir denn hin wollten “die Richtung in die wir liefen da kommt man nach Tibet, aber die Übernachtungsmöglichkeiten wären noch geschlossen …” doch noch in Lungden gelandet. Allerdings sind wir die letzte Stunde oder so querfeldein immer auf den großen Felsen zu von dem aus man laut dieses netten Mannes dann unseren Ort sehen kann zugelaufen. Am Ort angekommen hatte es schon 20 cm Neuschnee die bis zum nächsten Morgen etwa 60 cm werden sollten. Da war klar, heute geht nichts, also haben wir mit der anderen Gruppe in der Lodge (ein 25jähriger Amerikaner und sein Träger und sein Guide) einen Erkundungsmarsch gemacht um uns zu akklimatisieren und die Verhältnisse auszuchecken. Ich hatte rumgefragt und tatsächlich war vorgestern zum ersten Mal überhaupt eine geführte Gruppe mit Schaufeln und so über den Pass gestiegen um ihn für dieses Jahr zu eröffnen. Es muss ein Kampf gewesen sein. Abends kam dann doch noch ein Italiener von der anderen Seite (deutlich einfacher, weil nur halb so viele Höhenmeter im Aufstieg) rüber. Damit war klar, wenn es nicht nochmal schneit ist der Weg frei. Also sind wir um kurz vor 5 aufgestanden und nach einem gescheiten Frühstück losmarschiert. Die andere Gruppe mit deutlich weniger Gepäck hat überraschend lang gebraucht um uns einzuholen. Zum Sonnenaufgang hatten wir die ersten paar hundert Höhenmeter schon hinter uns und liefen gerade ein Hochtal hinter, wo man im Oktober bei geführten Wanderungen übernachtet – jetzt bei etwa 90cm Schnee und nächtlichen Temperaturen so um die -15°C undenkbar. Es ging weiter immer höher und höher, der Spur der anderen Gruppe nach, die allerdings nicht den normalen Weg gegangen war, sondern sich eher auf kürzestem Weg vorgekämpft hatten … so gab es immer wieder Geländestufen zu erklettern und zwischen überschneiten Felsen sind wir auch immer wieder eingebrochen. Irgendwann war es unmöglich gemeinsam zu gehen, jeder hatte sein Tempo und musste Pausen machen, wenn sein Körper das verlangte und das immer wieder demoralisierende Einbrechen im Schnee und hochkämpfen und der Pass der immer so nah aussieht und nach jeder Stunde marsch immernoch so weit weg ist – und aufgrund der Höhe ging ja alles auch nur im Trippelschritt ganz langsam ein Fuß vor den anderen. Es erschien mir zu dem Zeitpunkt schon fast undenkbar, aber irgendwann nach etwa 8 Stunden Aufstieg waren wir tatsächlich oben. 5360 Meter. Kraaaaaasss! Unter normalen Umständen hätte ich einen Luftsprung und einen Purzelbaum gemacht aber das waren keine normalen Umstände. Wir haben uns hingesetzt, auf die unglaublichen Berge um uns rum geblickt, auf die blauen hängenden Gletscher, die scharfen Zacken, den Zipfel Mount Everest irgendwo in den Wolken und auf unseren Zielort der so nah aussah aber noch so weit weg war. Das wussten wir da eigentlich noch nicht, aber der Abstieg, völlig ausgemergelt von der Anstrengung und von zu wenig Essen, und mit dem immer weicher werdenden Schnee in den wir immer häufiger eingebrochen sind war nochmal eine sehr sehr harte Probe. Insbesondere moralisch. Nach vielleicht 14 Stunden waren wir endlich am Ziel – unsere Anforderungen an die Lodge: Gutes Essen! Die sollen sofort den Ofen anheizen! Und ein möglichst warmes Zimmer. Die Frau war wirklich sehr bemüht, hat uns ein sehr schönes (warme Zimmer gibt es nirgends) Zimmer und noch zwei Extra-Decken gegeben, der Ofen lief bereits und das Essen war tatsächlich so lecker, dass wir am nächsten Tag zur Lodge ihrer Cousine gegangen sind. Irgendwie sind die da alle miteinander verwandt glaube ich.
Es war brutal anstrengend aber auch hatten wir was erlebt und waren wirklich draußen. In den Bergen. Direkt da. Mit den Felsen und Gletschern und der Aussicht und irgendwie oben. In der Freiheit und Wildnis. Menschenseelen allein. Wir waren vielleicht Nummer 11 und 12 die dieses Jahr den Pass überschritten haben.
Am nächsten Tag haben wir es dann seeeehr ruhig angehen lassen, haben erstmal ausgeschlafen (also so bis 9 Uhr), dann nochmal ausgiebig gefrühstückt und sind dann gemütlich ins nächste Dorf gelatscht, immerhin nur 3 Stunden und eine Gletscherquerung entfernt. So ein Gletscher ist da halt auch mal einfach so 1-2 km breit und man geht zur Spaltenvermeidung auch schön zickzack und über jeden erkennbaren Hügel auf dem Gletscher. Den Rest des Tages haben wir in der Sonne gesessen und sind vom Mittagessen zum Nachmittagssnack und dann direkt zum Abendessen rübergeschlemmt, um letztlich glücklich ins Bett zu kugeln.
Denn am nächsten Tag stand schon wieder der nächste Pass an, der Cho La. Der war allerdings deutlich häufiger begangen und hat weniger Höhenmeter im Aufstieg. Dieses Mal haben wir sehr pingelig darauf geachtet auch genug zu Essen zu bekommen und immer wieder Essenspausen gemacht. Wie immer morgens strahlender Sonnenschein, die typischen Hühner-artigen Tiere auf dem Weg, gefrorener Bach … weiter oben Schneeleoparden-Spuren im Schnee, riesige weiße Weiten, mächtige Berge, blaue Gletscher, alles gigantisch und dazwischen zwei kleine Punkte die Höhenmeter um Höhenmeter nach oben wuseln. Famos! Und wieder kam und kam der Zielort nicht näher … und wir sind tausende Male im Schnee eingebrochen und irgendwann hat es auch noch zu schneien angefangen und unglaublich aber wahr ist dann doch auf einmal der Ort da gewesen und wir haben überglücklich den Ofen umarmt. Bleibt noch zu erwähnen, dass der Günter während dieser ganzen Tage üble Verdauungsprobleme hatte.
Am nächsten Morgen ging es weiter über einen verschneiten und vereisten Steig auf dem ein eisiger Wind ein Schneetreiben produzierte und vorbei am Basislager des Lobuche und letztendlich zurück auf den Hauptweg zum Everest. Ab da war der Weg laaaaaaangweilig und wir haben uns das Abenteuer der Pässe zurückgewünscht. Aber die unglaubliche Dimension und Krassheit der Natur blieb natürlich. Zum Beispiel dem Everest-Gletscher der da mehr als einen ganzen Tagesmarsch lang neben einem liegt. Ein sehr netter nepalischer Guide hat uns dann geholfen von seinem Kunden chinesische Magentabletten für den Günter zu bekommen und so ging es ihm am nächsten Tag endlich wieder besser.

Der Island Peak

Alle Berge bis etwa 6000m sind eher große Hügel und außer der Höhe nicht sonderlich schwer zu besteigen. Alle Berge ab 6000m haben einen Gletscher, erfordern entsprechendes Equipment und von staatswegen benötigt man außerdem eine Genehmigung und muss zwingend einen Guide haben. Aber wann in meinem Leben werde ich nochmal einen 6000er besteigen? Immerhin ist es schon richtiges Expeditionsbergsteigen ähnlich einer Everestbesteigung. Entsprechend haben wir uns schon in Kathmandu für den relativ einfachen Island Peak angemeldet, für 600 Dollar. Die Preisfindung selbst ist schon sehr interessant: Uns wurde der gleiche Trip auch für 1200 Dollar angeboten. Und als 6-Tage-Trip, wobei wir uns schon beim 4-Tage-Trip drei Tage lang eher gelangweilt haben. Das war der vierte Tag: Wir sind nach einem frühen Mittagessen vom letzten Ort aus zum Basislager gelaufen. Zum ersten Mal seit Wochen fast ohne Gepäck, denn das wurde mit dem Essen und dem Equipment schon von einem Tragtier vorher hochgetragen. Dekadenz pur! Im Basislager angekommen wurde das Zelt aufgeschlagen und um 16 Uhr gab es Abendessen, danach einen kleinen Spaziergang um den riesigen (kein Wunder wir sind ja im Himalaya) und unglaublich schönen gefrorenen Gletschersee zu bestaunen. Alleine deshalb hat sich die Tour schon gelohnt! Unglaublich! Mal wieder! Jedenfalls um 18 Uhr sind wir dann in die Schlafsäcke gekrochen um dann um Mitternacht wieder aufzustehen. Frühstück! Etwa um 1 Uhr gings dann los. Unser Guide hatte während unseres Frühstücks noch ein Feuer zur Besänftigung der Götter abgefackelt und während des gesamten Aufstiegs buddistische Gesänge auf seinem MP3-Player über Lautsprecher laufen. In diese Gesänge gehüllt sind wir dann vor uns hin getrottet durch die Dunkelheit und durch die eisige Kälte. Man hat immer nur den einen Quadratmeter vor sich gesehen, wo die Lampe hingeschienen hat und weiter vorne die Lichter der zwei anderen. Schritt für Schritt in Serpentinen nach oben. Irgendwann kamen noch Schneefelder hinzu und es wurde immer kälter. Wir konnten keine Pause machen, weil es dann zu kalt wird und wenn wir doch kurz angehalten haben, mussten wir die ganze Zeit stampfen und die Hände zusammenschlagen damit sie weiter durchblutet werden. Und trotzdem hat der Günter leichte Erfrierungen an den Zehen davongetragen. Am schlimmsten waren die Schneefelder: Bei jedem Schritt hat man gemerkt, wie es nochmal brutal kalt in den Fuß reingezogen ist. Jetzt auf keinen Fall stoppen!
Irgendwann nach Stunden hat die Dämmerung eingesetzt und man hat auf einmal gesehen, dass wir auf einem Berg sind und es gab einen Ausblick! Und noch ein bisschen später kam dann endlich die Sonne raus und endlich endlich war es vorbei mit der eisigen Kälte. Zu dem Zeitpunkt hatten wir dann auch schon fast den Gletscher erreicht: Schuhwechsel, Steigeisen, Gurt, Pickel, Helm, Anseilen. Nun ging es noch steiler Bergauf um Gletscherspalten rum, über manche mit der Leiter drüber und immer wieder mit dramatischen Tiefblicken und schlussendlich zu einer immer steiler werdenen Rampe die am Ende, fast senkrecht, auf den Gipfelgrat führt. Wir kämpften uns dort schon deutlich jenseits der 6000m-Marke dann in technischer Kletterei am Seil hoch, immer ein paar Meter und dann wieder ein paar Minuten Pause zum Atmen. Letztendlich standen wir um etwa 9 Uhr am Gipfel. Wir haben es geschafft! Und insbesondere der Günter hat es geschafft, trotz und mit Höhenangst. Keine Ahnung wie er das gemacht hat. Hut ab! So lecker war die Gipfelschoklad noch nie!
So unglaublich es für uns war oben zu sein, so ein richtiges “König der Welt”-Gefühl hat man doch nicht, denn der Island Peak ist doch eher ein niedriger Berg für die Region, der direkte Nachbarberg, der Lhotse ist etwa 8200m hoch. Und der Mensch ist sogar fähig dort hinaufzusteigen. Mit unglaublicher Ausdauer, Schritt für Schritt. Genauso, wie auch wir hier auf den Island Peak hoch gekommen sind. Naja, und wir haben schon zum Beispiel den Hauptort der Everest-Region gesehen … wo wir in ein paar Tagen wieder sein werden … um ein paar unglaubliche Erfahrungen reicher. Ach, wie waren wir noch unerfahrene kleine Bubies als wir dort vor 2 Wochen zum ersten Mal durchgezogen sind!

Der Rückweg

Ab jetzt ging es nurnoch abwärts. In einem fast höllischen Tempo sind wir hinabgerauscht. Zuerst ins Basislager, dann zum nächsten Ort. Und dann in den nächsten Tagen immer weiter hinab und Richtung Zivilisation. Irgendwann gab es dann auf einmal statt Eis und Schnee erst braunes und dann sogar grünes Gras! GRÜNES GRAS!!! Unglaublich! Und später auch Büsche und gegen Abend sogar Bäume! Ich habe seit Wochen keine Bäume mehr gesehen! Ich kam mir vor wie der erste Mensch der jemals Bäume sieht. Ein Weltwunder! Ich konnte es die ersten paar Stunden überhaupt nicht glauben und bin wie verrückt rumgesprungen und habe dem Günter zugerufen: Bäume! Bäume! Sieh’ mal! Bäume!

Da der Rückflug von Lukla oft mit wetterbedingten Wartezeiten verbunden und außerdem mit 160 Euro extrem teuer ist, haben wir beschlossen einfach noch die 3-4 Tage bis zum Straßenanschluss weiter zu laufen und dann von dort mit dem Jeep zurück nach Kathmandu zu fahren. Wie schon gesagt, so ein paar Tage hin oder her sind im Himalaya kaum der Rede wert. Das tolle daran war, dass wir somit auch noch in andere Klimazonen vorgedrungen sind und so auch irgendwann zum Beispiel an Bananen vorbeigewandert sind und Landwirtschaft in Betrieb gesehen haben und Gegenden wo wirklich Menschen leben und zwar nur so für sich und nicht hauptsächlich für den Tourismus. Eine spannende Route, die ich jederzeit wieder so machen würde.
Naja und dann sind wir letztlich noch 10 Stunden mit dem Jeep nach Kathmandu gefahren… über tausende von Kehren Berge rauf und runter, durch verschüttete Straßenabschnitte oder quer durch eine Baustelle wo die Straße noch gebaut wird und durch zig Flüsse und am Schluss waren wir tatsächlich wieder in der Zivilisation: Es gab so viele Autos und Essen was man wollte und unglaublich billig und so viele Menschen und eine normale Dusche statt einem Eimer heißes Wasser mit Kelle und Lärm und dreckige Luft und ein richtiges, sauberes Klo mit Spühlung und Klopapier. Klopapier! Am nächsten Tag sind wir extrem langsam durch die Stadt geschlendert, haben uns treiben lassen und so oft wie möglich irgendwo einen frischgepressten Saft getrunken.

Und so plötzlich wie das mit dem Bergsteigen angefangen hat, war es dann auch wieder vorbei. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt? Und dann rufe ich mir nochmal ins Gedächtnis was denn so passiert ist … Wir waren 24 Tage insgesamt unterwegs – wow! Davon über 10 Tage über 4400m nur in Eis und Schnee, arg!, wir sind über 16000 Höhenmeter rauf und wieder runter gelaufen, waren auf dem Island Peak auf 6189m – Krass!, 1300m höher als der Mont Blanc in den Alpen, haben ewig fast das gleiche Essen gegessen, frei von jeglichen Vitaminen, sind über 200 km gelaufen, Tag für Tag nur gelaufen – OMG!, haben Yaks gesehen, riesige zugefrorene Seen, riesige Gletscherzungen gequert, riesige Berge angehimmelt und haben auch den aller aller höchsten Berg des Planeten gesehen. Kraaass! Unglaubliche Dimensionen! Ein extrem fettes Abenteuer! – Und wir waren da! Jawohl! :)

Auswirkungen

Eigentlich habe ich gedacht ich mache eine große große Bergtour. Aber im nachhinein habe ich gemerkt, dass es nicht nur eine Reise in Nepal, sondern auch in meinem Inneren, war … es hat sich so einiges geändert:

  • Mein Körper wacht jetzt immer früh morgens auf. So nach etwa 8 Stunden schlaf. Wenn ich also um 22 Uhr ins Bett gehe wache ich von alleine um 6 Uhr auf und bin dann auch richtig wach und top fit.
  • Auch habe ich ein viel größeres Bedürfnis nach frischer Luft und schlafe sehr gern mit offenem Fenster oder habe es einfach tagsüber dauernd offen. Auch wenn es dadurch mal etwas kühl wird – eigentlich fast noch besser! Generell fühle ich mich wetterrobuster. Und ich schaue auch höchst selten wie das Wetter überhaupt wird. Irgendwie wird es schon und dann gehe ich halt damit um. Da ist sie wieder die Himalaya-Demut. 😉
  • Auch interessiere ich mich überhaupt nicht mehr dafür was in der Welt so passiert. Schaue keine Nachrichten und lese eigentlich nur in der Zeitung, wenn ich mich von irgendwas ablenken will … aber nicht weil es mich interessiert. Höchst spannend für jemanden, der sonst sehr gerne und intensiv Nachrichten konsumiert hat!
  • Damit einher geht mein extrem starker Fokus im Leben. Noch mehr als zuvor habe ich jetzt bestimmte Ziele und möchte diese verfolgen. Ich entscheide also ganz explizit was ich möchte und setze das dann um. Nachwievor habe ich das Problem, dass ich viele Ziele habe und zwischen diesen manchmal springe, aber Dinge die nicht zu meinen Ziele gehören mache ich nurnoch selten. Neulich habe ich zum Beispiel ein Jobangebot ausgeschlagen, weil ich gemerkt habe, dass es eigentlich nicht das ist, wofür momentan gerade mein Herzblut schlägt. Oder ich gehe bei einem Picnic nachhause weil ich merke, dass ich müde bin, egal was die Anderen dann darüber denken. Dafür bin ich dann auch 200% anwesend, wenn ich gerade anwesend sein möchte, da ich ja dann nicht in Gedanken irgendwoanders rumschwirre. Es gibt weniger Rauschen in meinem Leben.
  • Ich nehme meine Bedürfnisse und die meines Körpers viel deutlicher wahr. Was dann vielleicht auch zu obigem Fokus führt.

Was für ein schönes und intensives Abenteuer!
Voll mit so vielen neuen Eindrücken! Wow!